“Potentially Disastrous”

US-Geheimdienst gibt weitere Dokumente zu Able Archer 83 frei. Wie die Welt einem nuklearen Schlagabtausch entgangen ist

Früherer US-Präsident Ronald Reagan an Bord der Air Force One Nr 1. Foto (1986): White House Photographic Collection/gemeinfrei

US-Geheimdienst gibt weitere Dokumente zu Able Archer 83 frei. Wie die Welt einem nuklearen Schlagabtausch entgangen ist

Seit die USA 2015 den höchstgeheimen Bericht für den Präsidenten von 1990 freigaben, weiß jeder Interessierte (außer ZDF-Historikern), was für ein Drama sich Anfang November 1983 hinter den Kulissen des Kalten Kriegs abspielte (Um Haaresbreite). Der damalige Mad King der USA, der an Demenz leidende Präsident Ronald Reagan, hatte zum Gefallen der Falken die Sowjetunion zum “Reich des Bösen” ausgerufen, mit dem es keine Co-Existenz gebe.

Der Abschuss des zivilen Airliners KAL 007 schien die propagierte Unmenschlichkeit der Russen zu bestätigen. Beim jährlichen Säbelrasseln während des Herbstmanövers Able Archer 83 sollte ein nuklearer Angriff auf den Warschauer Pakt unter denkbar realistischen Umständen geprobt werden.

Den aufgeblähten US-Geheimdiensten war allerdings völlig entgangen, dass die Übung in Moskau für die Tarnung eines echten nuklearen Erstschlags gehalten wurde. Derartige Pläne gab es, seit die USA die Atombombe hatten. Air Force-Gründer General Curtis LeMay, der die Abwürfe auf Japan kommandiert hatte, war stets offen für eine Überraschungskrieg gegen die ihm verhassten Sowjets eingetreten (Der General, der Präsident - und die Bombe).

Zwanzig Jahre zuvor hatten die US-Generäle Kennedy einen konkreten Angriffsplan vorgetragen. Der vormalige KGB-Direktor Juri Andropow, nunmehr Staatschef, nahm die Rhetorik des senilen Schauspielers Reagan für bare Münze und war entschlossen, einen Nuklearschlag unverzüglich zu kontern.

Petrow und Perroots

Im September 1983 hätte sich der von Kennedy gefürchtete Atomkrieg aus Versehen beinahe realisiert, hätte nicht Oberst Stanislaw Petrow einen Fehlalarm als solchen erkannt (Stanislaw Petrow und das Geheimnis des roten Knopfes). Die Moskauer Strategen erwarteten jedoch einen Überraschungsschlag während der Feierlichkeiten zur Oktoberrevolution, wenn das US-Militär seine Gegner als beschäftigt wähnte. “Able Archer” interpretierte Moskau als Tarnung exakt eines solchen Angriffs.

Als nun zwischen dem 2. und dem 10. November das Manöver Able Archer anlief, hätte der Assistant Chief of Staff for Intelligence, US Air Forces Europe, Leonard Perroots, den echten Alarmstatus auf “1” setzen sollen, was “Nuklearer Krieg” bedeutet hätte. Dem auf Ramstein Airbase stationierten Militärgeheimdienstler war jedoch nicht ganz geheuer bei dieser Sache, denn er vermutete, dass derartige Details von der Gegenseite genauso aufmerksam beäugt werden würden, wie es umgekehrt der US-Geheimdienst bei den Streitkräften des Warschauer Pakts tat. Ähnlich wie Petrow weigerte sich Perroots und beließ es bei Alarmstufe 2 (Der General mit dem Bauchgefühl).

Der fähige Militärgeheimdienstler Perroots sah sich bestätigt, als er am letzten Tag der Übung ein bis diese Woche geheimes Memo der NSA zur Kenntnis nahm. Die Vorgänge hätten zu einer Situation führen können, die Perroots als “potentially disastrous” bewertete.

Darin konnte Perroots lesen, dass das in der damaligen DDR stationierte Militär in Reaktion auf Able Archer heimlich mobil gemacht hatte. Zu Tarnungszwecken nahmen hohe Kommandeure bei den Feierlichkeiten zur Revolution teil, tatsächlich jedoch waren die in Neuruppin stationierten Su-17 startklar - samt nuklearer Fracht. Dies ist nun erstmals von den USA dokumentiert.

Geheimbericht für Präsident George H. W. Bush

Perroots war hierüber sehr beunruhigt und von der Reaktion darauf im Pentagon hierauf ungehalten. Als der inzwischen zum Chef des Militärnachrichtendienstes aufgestiegene General kurz vor seiner Pensionierung keine Karriere mehr zu verlieren hatte, sandte er 1989 an Personen mit höchster Sicherheitsfreigabe einen Brandbrief, der vergangene Woche nun auch erstmals freigegeben wurde.

Perroots berichtet, dass sich beim erstmaligen Beladen der sowjetischen Maschinen mit Nuklearsprengköpfen ein Problem mit dem Abfluggewicht und der Balance gezeigt habe. So erwog man, auf die Montage sogenannter ECM-Pods zu verzichten, mit denen die elektronische Aufklärung gestört werden sollte.

Eine hierauf eingerichtete Kommission, die sämtliche Geheimdokumente sichten durfte, legte dem damaligen Präsident George H.W. Bush einen Bericht vor, demzufolge die Welt 1983 “um Haaresbreite” einem nuklearen Schlagabtausch entgangen war. Der sogenannte PFIAB-Bericht blieb 25 Jahre lang unter höchster Stufe geheim.

Transatlantische Geschichtsschreibung

Deutsche Historiker und Journalisten, die Propaganda aus dem Pentagon bereitwillig zu apportieren pflegen, spielten die Sache lange herunter. Nach diversen Aktenfreigaben aus Washington war das Dementi jedoch nicht zu halten. Dennoch ließen sich ZDF-Historiker von US-Falken wie dem verurteilten Lügner Robert McFarlane einseifen und transportierten die Propaganda-Lüge, die USA hätten die Kriegsangst der Russen erkannt und Reagan zum verbalen Abrüsten veranlasst, um die Situation zu deeskalieren (Der mächtige Bogen des ZDF).

Seltsamerweise findet man im 2015 freigegebenen Präsidenten-Bericht keinerlei Hinweise darauf, dass Pentagon, CIA oder das Weiße Haus im Bilde waren. Im Gegenteil folgt aus dem nun vorliegenden NSA-Memo, dass man allenfalls am letzten Tag von Able Archer eine erhöhte Alarmbereitschaft registrierte.

Das ZDF bleibt in seinen diversen Dokus tapfer bei seiner Version von Reagan als dem noblem Weltenretter - der in Wahrheit der Brandstifter war. Tatsächlich jedoch hatte Doppelagent Gordijewski erst 1984 Informationen über die sowjetische Kriegsangst von 1983 geliefert - und wurde von den Falken für einen Lügner gehalten. Was immer das ZDF erzählt, so gibt es keine gesicherte Kenntnis darüber, dass man vor 1990 im Weißen Haus die Soviet War Scare als real erkannte.

Wer sich nicht auf das ZDF verlassen möchte, kann sich über die weiteren aktuellen Freigaben zu Able Archer selbst orientieren. Fortgeschrittene dürfen sich einen Reim darauf machen, was von der heute von den Medien durchgereichten Propaganda gegen China und Russland zu halten ist. Die Freigabe von Dokumenten, die derartige Paranoia als das entlarven, was sie ist, dürfen wir dann ab dem Jahr 2045 erwarten. (Markus Kompa)

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