“Liss Ard”, das einstige Bundesrats-Exil in Irland, wird verkauft

Einst hatte es der Geheimdienstoberst Albert Bachmann als Fluchtort für die Schweizer Landesregierung erworben. Zuletzt ging dort die Film- und Musikprominenz ein und aus: Der Landsitz «Liss Ard» an der Westküste Irlands hat eine wechselhafte Geschichte.

Einst hatte es der Geheimdienstoberst Albert Bachmann als Fluchtort für die Schweizer Landesregierung erworben. Zuletzt ging dort die Film- und Musikprominenz ein und aus: Der Landsitz «Liss Ard» an der Westküste Irlands hat eine wechselhafte Geschichte.

Oberst a. D. Albert Bachmann in seiner Wahlheimat in der Nähe von Cork, kurz nach seinem vorzeitigen Abgang aus dem Geheimdienst im Jahr 1980.

Keystone

Mitten im Kalten Krieg, als die Angst vor einem Angriff mit Atomwaffen beidseits des Eisernen Vorhangs die Leute umtrieb, kürte das amerikanische Männermagazin «Esquire» 1962 in einer Titelgeschichte Cork zum sichersten Ort Europas. Ob diese Empfehlung Albert Bachmann beeinflusst hat, ist nicht überliefert, doch nur ein Jahr danach, 1963, erwarb der spätere Geheimdienstoffizier an der irischen Westküste sein erstes Grundstück, ganz in der Nähe des Städtchens Cork.

In den folgenden Jahren kamen weitere Investitionen hinzu, wobei der Erwerb eines Landguts namens «Liss Ard» in Skibbereen, nicht weit entfernt von Cork, heraussticht: Oberst Bachmann baute «Liss Ard» ab 1976 zum Exil für den Bundesrat aus – für den Fall, dass die Landesregierung bei einem Atomangriff der Sowjetunion die Schweiz verlassen müsste. Bachmann, ein resoluter Antikommunist, war in dieser Zeit in Personalunion verantwortlich für den ausserordentlichen Nachrichtendienst wie auch für den sogenannten Spezialdienst. Seine Aufgabe bestand unter anderem darin, neben den regulären Truppen eine Widerstandsorganisation aufzubauen.

Neben der Hotelanlage «Liss Ard» besass Albert Bachmann in Skibbereen an der irischen Westküste mehrere Ferienhäuser.

PD

Der Keller von «Liss Ard» war geräumig genug, um nötigenfalls Goldbarren einlagern zu können. Und im benachbarten «Skibbereen Eagle Pub» wurde eine überdimensionierte Küche eingebaut. Von hier aus sollten der Bundesrat und seine Entourage im Notfall verpflegt werden. Ob Bachmann tatsächlich in offizieller Mission handelte oder nicht viel eher einem privaten Hobby frönte, ist inzwischen umstritten. Vor drei Jahren hat der Historiker Titus J. Meier in einem Buch aufgezeigt, dass Bachmann das Anwesen an der Westküste Irlands nicht mit Geldern aus der Bundeskasse erworben hatte, sondern mithilfe von privaten und institutionellen Sponsoren. Die Eidgenossenschaft zahlte bloss zweimal eine Jahresmiete in Höhe von jeweils 50 000 Franken.

Der tollpatschige Spion

Vermutlich dürfte es darauf hinauslaufen, dass Oberst Bachmann einen vage formulierten Auftrag etwas gar grosszügig ausgelegt hat. In der Administration galt er als nur schwer zu führender Eigenbrötler. Das zeigte sich auch Ende 1979, als ein Untergebener Bachmanns für eine peinliche Lachnummer sorgte: Kurt Schilling liess sich dabei erwischen, wie er in St. Pölten ein Manöver der österreichischen Armee ausspionierte. Während die offiziellen Beobachter aus der Schweiz unbehelligt zurückreisten, wurde Schilling inhaftiert und später verurteilt.

Bis heute ist nicht ganz klar, ob Albert Bachmann einen offiziellen Auftrag hatte, in Irland ein Exil für den Bundesrat für den Fall eines Atomkriegs zu schaffen, oder ob ihm das Projekt vor allem dazu diente, seinem Hobby zu frönen.

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Es war Bachmann, der Schilling nach Österreich geschickt hatte. Für den Geheimdienstobersten bedeutete die bizarre Spionageaffäre das Ende seiner Karriere. Mit gerade einmal 51 Jahren wurde er frühzeitig in Pension geschickt, die er bis zu seinem Tod im Jahr 2011 vorwiegend an der Westküste Irlands verbrachte. Vergangene Woche nun wurde bekannt, dass der legendäre Landsitz «Liss Ard» den Besitzer gewechselt hat. Die Zürcher Familie um Hermann Stern veräusserte das Anwesen nach rund zwanzig Jahren an zwei amerikanische Investoren. Dies bestätigte ein Mitglied der Familie gegenüber der NZZ. Zuletzt war das Anwesen als Hotel genutzt worden. Eine gewisse Berühmtheit erlangte es, als es bei den letzten Folgen von «Star Wars», die im Westen Irlands gedreht wurden, die Filmequipe beherbergte, unter ihnen der Schauspieler Mark Hamill alias Luke Skywalker.

Von Bono bis Lou Reed

Weitere Berühmtheiten, vor allem aus der Musikszene, zierten in den vergangenen Jahren die Gästeliste des ehemaligen Zufluchtsorts für die Schweizer Landesregierung: Bono von U2, die Gallagher-Brüder von Oasis, Nick Cave, Van Morrison, Lou Reed oder Patti Smith tauchten regelmässig im «Liss Ard» auf. Die Nähe zur Künstlerszene geht auf einen früheren Besitzer zurück, den Zürcher Galeristen Veith Turske. Mit seiner Galerie in der Mühle Tiefenbrunnen gehörte der Deutsche in den 1980er Jahren zu den angesagtesten Kunsthändlern der Stadt. Zu zwei Künstlern hatte er eine besonders enge Beziehung: zum Schweizer Fotorealisten Franz Gertsch und zum amerikanischen Landschaftskünstler James Turrell.

Zur futuristischen Landschaft des amerikanischen Künstlers James Turrell im Park von «Liss Ard» gehörte auch ein künstlicher Krater.

Aidan Oliver / Flickr

Heute leitet Turske ein Ausbildungszentrum für Yoga in Berlin. Am Telefon erläutert er, dass er 1989 beim Erwerb von «Liss Ard» weniger am Hotel interessiert gewesen sei als an dessen prächtigem Umschwung. Nicht Albert Bachmann sei damals als Verkäufer aufgetreten, sondern ein amerikanischer Investor, der das Anwesen dem Oberst a. D. wenige Monate zuvor abgekauft habe. Zusammen mit Turrell verwandelte Turske die Parkanlage alsbald in eine futuristische Landschaft, der sie den Titel «Sky Garden» gaben. Aus aller Welt seien Kunstliebhaber nach Skibbereen geströmt, um das Naturkunstwerk inklusive eines künstlichen Kraters zu bestaunen.

Die Hotelanlage «Liss Ard», wie sie sich heute präsentiert.

PD

Doch schnell zerstritten sich Turske und Turrell: Während der amerikanische Landschaftskünstler zentnerweise Zement herankarren liess, um die Gartenlandschaft nach seinen Vorstellungen zu gestalten, wollte sie der Zürcher Galerist möglichst naturnahe belassen – ihre Wege trennten sich. Auch mit Franz Gertsch kam es nach vielen Jahren gedeihlicher Zusammenarbeit zu einer unschönen Trennung, als Turskes Galerie Anfang der 1990er Jahre Konkurs anmelden musste.

«Patti Smith I–V»

Nicht abstreiten lässt sich jedoch, dass eines der bekanntesten Werke Gertschs auf seinen Mentor zurückgeht: 1977 organisierte Turske in seiner Galerie, damals noch in Köln, ein Privatkonzert mit Patti Smith, wozu er auch Gertsch einlud. Dieser fotografierte sie während des Auftritts; anhand der ungewöhnlich entspannten Bilder der Punk-Ikone malte er später die Serie «Patti Smith I–V».

Obwohl der Kalte Krieg noch fast drei Jahrzehnte andauern sollte, kam es nicht, wie 1962 im «Esquire» befürchtet, zu einem Angriff mit Atomwaffen. Auch in der Schweiz bestand kein Anlass, den Bundesrat notfallmässig ins Exil an den «sichersten Ort Europas» zu evakuieren. Doch trotzdem ranken sich, zehn Jahre nach dem Tod von Oberst Bachmann, die Legenden weiter um «Liss Ard».

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