Russland: Der Staat sammelt Daten, alle können sie kaufen

Der Handel mit Daten, die eigentlich privat wären, blüht in Russland. Schuld daran ist die Korruption, gepaart mit einem hohen Grad an Digitalisierung. Journalisten nutzen dies, um die Geheimdienste des Landes blosszustellen.

Der Handel mit Daten, die eigentlich privat wären, blüht in Russland. Schuld daran ist die Korruption, gepaart mit einem hohen Grad an Digitalisierung. Journalisten nutzen dies, um die Geheimdienste des Landes blosszustellen.

Seit Jahren findet in Russlands Internet ein reger Handel mit privaten Informationen statt.

Evgenia Novozhenina / Reuters

Die jüngsten Enthüllungen zum Giftanschlag auf den Oppositionspolitiker Alexei Nawalny wirken nicht nur in der Sache unglaublich. Dass ein Kommando von Chemie-Experten im Dienste des FSB den wichtigsten Gegner von Wladimir Putin über Jahre verfolgt und schliesslich vergiftet, ist für viele in Russland kaum zu fassen. Misstrauisch sind viele Russen aber auch, weil die Rechercheure von Bellingcat und vom russischen Portal The Insider die FSB-Männer dadurch identifizieren konnten, dass sie sich Zugriff auf Handydaten, Passagierlisten und Ausweisdokumente verschafft haben. Auf Informationen also, die öffentlich eigentlich nicht zugänglich sind.

Russlands Präsident Wladimir Putin interpretierte dies auf seine Art. Die Enthüllungen seien nichts anderes als eine «Legalisierung von Erkenntnissen westlicher Geheimdienste», sagte er bei seiner Jahrespressekonferenz. Ohne Hilfe professioneller, ausländischer Spione hätten die Journalisten nach Ansicht Putins nicht an solch sensitive Daten gelangen können.

Eine Kehrseite der fortgeschrittenen Digitalisierung

Tatsächlich jedoch braucht es weder die Qualifikation eines Spions noch besondere IT-Kenntnisse, um an solche nicht öffentliche Informationen zu kommen, wie es den Rechercheuren im Fall Nawalny gelang. Seit Jahren blüht in Russlands Internet ein reger Handel mit Datenbanken von Mobilfunkanbietern, Fluggesellschaften, Banken und unterschiedlichsten Behörden vom Finanzamt bis zum Innenministerium. Auf Dutzenden von Foren kursieren Preislisten für Zugänge zu mindestens zwei Dutzend Datenbanken mit den Passinformationen, Handyverträgen oder Fahrzeugzulassungen aller Einwohner des Landes. Wer noch tiefer graben will, findet weitere Angebote auf dem Messengerdienst Telegram oder auf Handelsplattformen im Darknet.

Alexei Nawalny, aufgenommen 2019.

Evgenia Novozhenina / Reuters

Verantwortlich für dieses üppige Angebot sind nach Ansicht von Experten die Sammelwut der Behörden, Korruption und niedrige Strafen. «Russland ist in der Digitalisierung oft weiter als viele Länder Europas», sagt Aschot Oganessjan von der Moskauer IT-Beratung Data Leakage and Breach Intelligence. «Das ist einerseits bequem, weil viele Behördenangelegenheiten online geregelt werden können. Andererseits hat jeder noch so kleine Polizist oder Behördenmitarbeiter Zugriff auf riesige Volumen an Informationen», erklärt der Experte, der den Markt für Datenhandel seit Jahren beobachtet.

Eine weitere Schwachstelle sind Angestellte in den Filialen von Mobilfunkanbietern, Banken oder Reisebüros, die ebenfalls an sensitive Informationen kommen. «Datenhändler suchen im Netz gezielt nach solchen Angestellten und bieten ihnen einen kleinen Nebenverdienst an», so Oganessjan. Gleichzeitig werde der Handel mit Daten meistens mit Geldstrafen oder Bewährungsstrafen geahndet. Das Risiko sei vergleichsweise gering.

Je grösser das Risiko, desto teurer die Information

Vom Risiko hängt auch der Preis für die jeweiligen Informationen ab. Besonders günstig ist der Zugriff auf Datenbanken mit Ausweisinformationen oder Handyverträgen. Eine Auskunft kostet hier oft nur 20 Franken, weil die Zugriffe darauf fast nie Verdacht auslösen. Nach einem Testkauf wurden die korrekten Angaben zum Besitzer einer Handynummer samt Adresse und Passdaten innerhalb von zehn Stunden geliefert.

Etwas mehr, etwa 40 Franken, kostet der Abruf der Reisedatenbank «Magistral». Darin enthalten sind Informationen über sämtliche Reisen auf russischem Territorium, weil Tickets für Züge und Flugzeuge nur auf Vorlage eines Ausweises verkauft werden. 300 Franken und mehr verlangen die Schwarzmarkthändler für die Lokalisierung eines Mobiltelefons oder eine detaillierte Auflistung der getätigten Anrufe.

Zu den Käufern gehören meist Privatdetektive oder Sicherheitsunternehmen. Journalisten wie im Fall Nawalny dürften eher eine Ausnahme sein. Roman Dobrochotow, Chefredakteur von The Insider, hat dennoch schon vor seiner jüngsten Nawalny-Recherche auf solche Daten zurückgegriffen. Etwa nach dem Attentat gegen den ehemaligen Doppelagenten Sergei Skripal in der englischen Stadt Salisbury, als Dobrochotow und Kollegen die Reisepässe der beiden verdächtigen Russen auswerteten.

Auch bei der Recherche zum flüchtigen Wirecard-Manager Jan Marsalek konnten Journalisten anhand der Angaben aus den Einreisedatenbanken nachverfolgen, dass der Manager mehrere Dutzend Male in Russland unterwegs gewesen ist und sogar einmal vom Inlandsgeheimdienst FSB an der Ausreise gehindert wurde. «Wir bekommen die Daten meistens über unseren Partner Bellingcat, da es für uns in Russland illegal wäre, solche Dokumente zu kaufen», sagt Roman Dobrochotow.

Der Schwarzmarkt ist kurzzeitig in Aufruhr

Dass die Daten für die aktuelle Recherche im Netz gekauft worden sind, daraus macht auch Christo Grozev, einer der Bellingcat-Rechercheure, kein Hehl. In einem Interview gegenüber russischen Journalisten bezifferte er die Kosten für die Nawalny-Recherche auf zwischen 10 000 und 20 000 Euro. Die verwendeten Daten, so Grozev, habe er meistens über anonyme Verkäufer auf Telegram gekauft. Die Korruption in Russland habe seine Recherchen erst möglich gemacht.

Eliot Higgins, Gründer von Bellingcat, und Christo Grozev, Mitglied derselben Journalistengruppe, im Juni 2018 in London.

Peter Nicholls / Reuters

Und daran dürfte sich auch nach der jüngsten Recherche nur wenig ändern. «Natürlich sind jetzt viele vorsichtig, die Preise sind stark gestiegen, für ein paar Wochen dürfte der Markt in Aufruhr bleiben», sagt der Experte Aschot Oganessjan. «In ein paar Wochen wird aber wieder alles in gewohnte Bahnen mit einem florierenden Schwarzmarkt zurückkehren.»

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