Der Leasinganbieter Grenke ist wegen eines Finanzskandals in Not

Aus dem Nichts sah sich die deutsche Leasingfirma Grenke im September mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert: Betrug, Geldwäsche, Bilanzfälschung. Nach einer Beruhigung muss jetzt ein wichtiger Vorstand gehen – und die Anleger machen sich erneut Sorgen.

Aus dem Nichts sah sich die deutsche Leasingfirma Grenke im September mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert: Betrug, Geldwäsche, Bilanzfälschung. Nach einer Beruhigung muss jetzt ein wichtiger Vorstand gehen – und die Anleger machen sich erneut Sorgen.

Die Leasingfirma Grenke verdient Geld mit dem Verleih von IT und Technologieprodukten an andere Unternehmen.

Karin Hofer / NZZ

Die Winterruhe war trügerisch. In dieser Woche hat sich die Hektik der Unternehmenskrise bei der Grenke-Gruppe in Baden-Baden schlagartig wieder breitgemacht. Der Finanzierer für kleine und mittelständische Firmen steht im Zentrum eines möglichen weiteren Finanzskandals in Deutschland, quasi eines Falls «Wirecard 2.0». Am Dienstag kündigte der Konzern per Ad-hoc-Mitteilung an, dass der dienstälteste Vorstand und Compliance-Chef, Mark Kindermann, alle Aufgaben abgebe. Der Aktienkurs des Unternehmens brach daraufhin in der Spitze um 38% auf derzeit 28 € ein. Vor Ausbruch des möglichen Skandals notierten die Titel noch bei 55 €. Worum geht es bei dem Wirtschaftskrimi?

Der Angriff des Shortsellers

Bis zum Sommer war Grenke mit seinen über 1700 Mitarbeitern in 33 Ländern ein relativ unauffälliger Mittelständler. Die Leasingfirma verdient Geld mit dem Verleih von IT und Technologieprodukten an andere Unternehmen sowie ähnlichen Dienstleistungen bis hin zu Bankprodukten. Doch Mitte September warf der Finanzinvestor Fraser Perring über sein Analysehaus Viceroy Research der Grenke-Gruppe in einem Bericht Betrug, Geldwäsche und Bilanzfälschung vor. Die Anschuldigungen, in deren Zentrum das Franchise-Geschäft der Firma steht, wiegen schwer – vor allem kurz nach der Aufdeckung des Wirecard-Skandals. Fraser Perring gehörte zudem zu den ersten Hedge-Funds, die auf Ungereimtheiten bei Wirecard aufmerksam machten. Zugleich ist die Firma als Shortseller auf Wetten auf fallende Aktienkurse spezialisiert, profitierte also vom Kollaps der Grenke-Titel.

Firmengründer, Grossaktionär und Aufsichtsratsmitglied Wolfgang Grenke wies die Vorwürfe vehement zurück. In einem Interview mit dem «Handelsblatt» sagte er Ende September, er habe nichts zu verbergen. Zugleich räumte er ein, dass man das «komplexe Geschäftsmodell» besser erklären müsse. Die 1978 gegründete Grenke-Gruppe beauftragte ferner die Wirtschaftsprüfer von KPMG und Warth & Klein Grant Thornton (WKGT) mit Sonderprüfungen.

Zugleich leitete auch die deutsche Finanzaufsicht Bafin, die für ihren laxen Umgang mit Wirecard stark in die Kritik geraten war, zwei Sonderprüfungen ein und zog dazu den Wirtschaftsprüfer Mazars bei. Dabei geht es dem Vernehmen nach vor allem um vier Unternehmen innerhalb der Grenke-Gruppe, die auch bankrechtlichen Vorschriften unterliegen, sowie eine Prüfung des Konzernabschlusses für das Jahr 2019. Die Geldwäsche-Spezialeinheit des deutschen Zolls, die Financial Intelligence Unit (FIU), hat laut Medienberichten im Herbst acht Verdachtsmeldungen identifiziert, die in einem Zusammenhang mit den gegen das Unternehmen erhobenen Vorwürfen stehen könnten.

Die umstrittene Franchise-Methode

Die Grenke-Gruppe nutzte die Franchise-Methode bisher bei der Expansion in neue Länder. Die Franchise-Ländergesellschaften wurden üblicherweise von externen Investoren wie etwa der Wiener CTP Handels- und Beteiligungs-GmbH finanziert und von der Grenke-Gruppe nach ein paar Jahren übernommen. Wer hinter solchen Zweckgesellschaften stand, ist zum Teil unklar und heftig umstritten. Fraser Perrin vermutet persönliche Verflechtungen und Interessenkonflikte von Wolfgang Grenke und glaubt, dieser habe mittelbar die Kontrolle ausgeübt und Transaktionen zum eigenen Vorteil genutzt. Beweise dafür gibt es nicht.

Anfang Oktober stellten die Wirtschaftsprüfer von KPMG schliesslich laut der Grenke-Gruppe fest, dass bis dato mehr als 98% der Bankguthaben von rund 1 Mrd. € von den entsprechenden Banken bestätigt worden seien. Wenig später kündigte die Gruppe um Konzernchefin Antje Leminsky an, das Geschäftsmodell anzupassen. Das Franchise-Modell solle aufgegeben und die Gesellschaften in den Konzern integriert werden. Zudem wurde der Vorstand mit Isabel Rösler auf Anfang Januar um eine Risikochefin erweitert.

Kurz vor Weihnachten bekam die Firma ausserdem Rückendeckung von der Rating-Agentur S&P, welche die erhobenen Vorwürfe der Bilanztäuschung für unbegründet erachtete. Die Grenke-Gruppe konkretisierte zudem den Konzernumbau. 16 Franchise-Firmen sollen in das Unternehmen integriert werden, wobei der Kaufpreis unter der Marke von 100 Mio. € bleiben soll. In der Vergangenheit hatte die Gruppe bereits 17 Franchise-Einheiten für etwa diese Summe übernommen, was als Orientierung für eine Kaufpreisobergrenze gilt. Laut den Wirtschaftsprüfern von WKGT gab es bei diesen 17 Franchise-Übernahmen zwar teilweise kaufpreiserhöhende Abweichungen von der ursprünglich vereinbarten grundsätzlichen Bewertungsmethodik. Doch die Abweichungen hätten im Rahmen üblicher Unschärfen bei der Bewertung von Firmen in frühen Entwicklungsphasen gelegen.

Die Angst der Investoren

Da das Unternehmen ferner in den letzten Monaten positive Meldungen über die Prüfung durch KPMG veröffentlicht hatte, war der plötzliche Abschied von Vorstand Kindermann nun ein Schock für die Anleger. Vertrauen ist ein scheues Reh, vor allem nach den Vorgängen um Wirecard. Laut Medienberichten soll die Finanzaufsicht auf sein Ausscheiden gedrängt haben. Bei den Investoren herrscht nun die Angst vor weiteren schlechten Nachrichten. Manche befürchten zudem, dass Leasinggüter in der Bilanz der Grenke-Gruppe zu optimistisch bewertet sind und daher Korrekturen nötig sind, die das Eigenkapital von rund 1,2 Mrd. € dezimieren oder sogar aufzehren könnten.

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