Gebt den Aktivismus auf! - Andrew X

Beitrag von: Libri Felis Nigrae

Ein Problem, das beim Aktionstag am 18. Juni1 deutlich wurde, war die Annahme einer aktivistischen Mentalität. Dieses Problem wurde beim 18. Juni besonders deutlich, gerade weil die an der Organisation beteiligten Menschen und die Menschen, die am Tag selbst beteil

Beitrag von: Libri Felis Nigrae 

Ein Problem, das beim Aktionstag am 18. Juni1 deutlich wurde, war die Annahme einer aktivistischen Mentalität. Dieses Problem wurde beim 18. Juni besonders deutlich, gerade weil die an der Organisation beteiligten Menschen und die Menschen, die am Tag selbst beteiligt waren versuchten, über diese Beschränkungen hinauszugehen. Dieser Beitrag ist keine Kritik an den Beteiligten – eher ein Versuch, zum Nachdenken über die Herausforderungen anzuregen, vor denen wir stehen, wenn wir es wirklich ernst meinen mit unserer Absicht, die kapitalistische Produktionsweise abzuschaffen.

Expert_innen

Mit einer „aktivistischen Mentalität“ meine ich, dass Menschen in erster Linie sich selbst als und Teil einer größeren Gemeinschaft von Aktivist_innen sehen. Der_ie Aktivist_in identifiziert sich mit dem, was er_sie tut, und sieht es als die eigene Rolle im Leben an, wie einen Job oder eine Karriere. Auf die gleiche Weise werden sich einige Leute mit ihrem Job als Arzt/ Ärztin oder Lehrer_in identifizieren, und anstatt dass es etwas ist, was sie nur zufällig tun, wird es zu einem wesentlichen Teil ihres Selbstverständnisses.

Ein_e Aktivist_in ist ein_e Spezialist_in oder ein_e Experte_in für soziale Veränderung. Sich selbst als Aktivist zu betrachten, bedeutet, sich als irgendwie privilegiert oder fortgeschrittener als andere zu sehen, was die Einsicht in die Notwendigkeit sozialer Veränderungen angeht, das Wissen, wie diese erreicht werden können, und als führend oder an vorderster Front stehend im praktischen Kampf zur Schaffung dieser Veränderungen.

Aktivismus hat, wie alle Expertenrollen, seine Grundlage in der Arbeitsteilung – er ist eine spezialisierte separate Aufgabe. Die Arbeitsteilung ist die Grundlage der Klassengesellschaft, die grundlegende Teilung ist die zwischen geistiger und manueller Arbeit. Die Arbeitsteilung funktioniert zum Beispiel in der Medizin oder in der Erziehung – anstatt dass Heilung und Kindererziehung Allgemeingut und Aufgaben sind, an denen jede_r mitwirken kann, wird dieses Wissen zum spezialisierten Eigentum von Ärzt_innen und Lehrer_innen – Expert_innen, auf die wir uns verlassen müssen, um diese Dinge für uns zu tun. Expert_innen hüten und mystifizieren eifersüchtig die Fähigkeiten, die sie haben. Dies hält die Menschen getrennt voneinander und entmächtigt und verstärkt die hierarchische Klassengesellschaft.

Eine Arbeitsteilung bedeutet, dass eine Person eine Aufgabe stellvertretend für viele andere übernimmt, die diese Verantwortung abgeben. Eine Aufgabenteilung bedeutet, dass andere Menschen dein Essen anbauen, deine Kleidung nähen und deinen Strom liefern, während du damit weitermachst, soziale Veränderung zu erreichen. Aktivist_innen, als Expert_innen für soziale Veränderung, gehen davon aus, dass andere Menschen nichts tun, um ihr Leben zu verändern, und fühlen sich daher verpflichtet oder verantwortlich, es in deren Namen zu tun. Aktivist_innen denken, dass sie die fehlende Aktivität der anderen kompensieren. Uns selbst als Aktivist_innen zu definieren, bedeutet, dass wir unsere Aktionen als diejenigen definieren, die eine soziale Veränderung herbeiführen werden, und damit die Aktivität von Tausenden und Abertausenden anderer Nicht-Aktivist_innen außer Acht lassen. Aktivismus basiert auf diesem Missverständnis, dass es nur Aktivist_innen sind, die soziale Veränderung bewirken – während natürlich die ganze Zeit über Klassenkampf stattfindet.

Form und Inhalt

Die Spannung zwischen der Form des „Aktivismus“, in der unsere politische Aktivität erscheint, und ihrem zunehmend radikalen Inhalt ist erst in den letzten Jahren gewachsen. Der Hintergrund vieler Menschen, die am 18. Juni beteiligt sind, ist der, „Aktivist_innen“ zu sein, die eine „Kampagne“ zu einem „Thema“ führen. Der politische Fortschritt, der in den letzten Jahren in der Aktivistenszene gemacht wurde, hat dazu geführt, dass viele Leute über einzelne Themenkampagnen gegen bestimmte Unternehmen oder Entwicklungen hinausgegangen sind und eine eher unbestimmte, aber dennoch vielversprechende antikapitalistische Perspektive entwickelt haben. Doch obwohl sich der Inhalt der Kampagnenarbeit verändert hat, hat sich die Form des Aktivismus nicht geändert. Anstatt also gegen Monsanto anzutreten und zu ihrem Hauptquartier zu gehen und es zu besetzen, haben wir nun über die einzelne Facette des Kapitals, die durch Monsanto repräsentiert wird, hinausgesehen und so eine „Kampagne“ gegen den Kapitalismus entwickelt. Und wohin wäre es besser zu gehen und zu besetzten, als das, was als Hauptsitz des Kapitalismus wahrgenommen wird – die City2?

Unsere Vorgehensweisen sind immer noch dieselben, als würden wir es mit einem bestimmten Unternehmen oder einer Entwicklung aufnehmen, obwohl der Kapitalismus überhaupt nicht dieselbe Art von Sache ist und die Wege, durch die ein bestimmtes Unternehmen zu Fall gebracht werden könnte, überhaupt nicht dieselben sind wie die Wege, auf denen der Kapitalismus zu Fall gebracht werden könnte. Zum Beispiel ist es durch die energischen Kampagnen von Tierschützern gelungen, sowohl die Hundezüchter von Consort als auch die Katzenzüchter von Hillgrove Farm zu vernichten. Die Unternehmen wurden ruiniert und gingen in Konkurs. In ähnlicher Weise gelang es der Kampagne gegen die Erzvivisektionist_innen Huntingdon Life Sciences, den Aktienkurs um 33% zu senken, aber das Unternehmen schaffte es gerade so, zu überleben, indem es eine verzweifelte PR-Kampagne in der City startete, um die Preise anzuheben3. Aktivismus kann sehr erfolgreich dazu führen, ein Unternehmen zu Fall zu bringen, doch um den Kapitalismus zu Fall zu bringen, wird viel mehr nötig sein, als diese Art von Aktivitäten einfach auf jedes Unternehmen in jedem Sektor auszuweiten. Ähnlich ist es mit der gezielten Bekämpfung von Metzgereien durch Tierrechtsaktivisten: Das Nettoergebnis ist wahrscheinlich nur die Unterstützung der Supermärkte bei der Schließung aller kleinen Metzgereien, wodurch der Prozess des Wettbewerbs und der „natürlichen Auslese“ auf dem Markt unterstützt wird. So gelingt es Aktivisten oft, ein kleines Geschäft zu zerstören, während sie das Kapital insgesamt stärken.

Ähnlich verhält es sich mit dem Anti-Straßen-Aktivismus. Groß angelegte Anti-Straßen-Proteste haben Möglichkeiten für einen ganz neuen Sektor des Kapitalismus geschaffen – Sicherheit, Überwachung, Tunnelbauer, Kletterer, Experten und Berater. Wir sind jetzt ein „Marktrisiko“ unter anderen, das bei der Bewerbung um einen Straßenauftrag berücksichtigt werden muss. Möglicherweise haben wir tatsächlich die Herrschaft der Marktkräfte unterstützt, indem wir die schwächsten und am wenigsten leistungsfähigen Unternehmen verdrängt haben. Die Protest-Bashing-Beraterin Amanda Webster sagt: „Das Aufkommen der Protestbewegung wird tatsächlich Marktvorteile für diejenigen Bauunternehmer bringen, die damit effektiv umgehen können.“4 Auch hier kann Aktivismus ein Unternehmen zu Fall bringen oder eine Straße stoppen, aber der Kapitalismus macht munter weiter, wenn auch stärker als zuvor.

Diese Dinge sind sicherlich ein Hinweis darauf, wenn einer nötig wäre, dass der Kampf gegen den Kapitalismus nicht nur eine quantitative Veränderung erfordert (mehr Aktionen, mehr Aktivisten), sondern auch eine qualitative (wir müssen eine effektivere Form des Handelns entdecken). Es scheint, als hätten wir nur eine sehr geringe Vorstellung davon, was es tatsächlich brauchen könnte, um den Kapitalismus zu Fall zu bringen. Als ob alles, was es bräuchte, wäre, dass eine Art kritische Masse von Aktivisten, die Büros besetzen, erreicht wird und dann hätten wir eine Revolution…

Die Form des Aktivismus wurde beibehalten, auch wenn der Inhalt dieser Aktivität sich über die Form, die sie enthält, hinaus bewegt hat. Wir denken immer noch in Begriffen wie „Aktivisten“, die eine „Kampagne“ zu einem „Thema“ machen, und weil wir Aktivisten der „direkten Aktion“ sind, werden wir hingehen und „eine Aktion“ gegen unser Ziel machen. Die Methode, Kampagnen gegen bestimmte Entwicklungen oder einzelne Unternehmen zu führen, wurde in diese neue Sache, sich mit dem Kapitalismus anzulegen, übertragen. Wir versuchen, es mit dem Kapitalismus aufzunehmen und konzeptualisieren das, was wir tun, in völlig unangemessenen Begriffen, indem wir eine Methode anwenden, die dem liberalen Reformismus angemessen ist. So haben wir das bizarre Schauspiel, eine „Aktion“ gegen den Kapitalismus zu machen – eine völlig unangemessene Praxis.

Rollen

Die Rolle der „Aktivist_innen“ ist eine Rolle, die wir annehmen, genau wie die der Polizist_innen, der Eltern oder der Priester_innen – eine seltsame psychologische Form, die wir benutzen, um uns selbst und unsere Beziehung zu anderen zu definieren. Ein_e „Aktivist_in“ ist ein_e Spezialist_in oder ein_e Expert_in für soziale Veränderung – doch je stärker wir uns an diese Rolle und Vorstellung von dem, was wir sind, klammern, desto mehr behindern wir eigentlich die Veränderung, die wir uns wünschen. Eine wirkliche Revolution wird das Ausbrechen aus allen vorgefassten Rollen und die Zerstörung allen Spezialist_innenentums beinhalten – die Rückeroberung unseres Lebens. Die Ergreifung der Kontrolle über unser eigenes Schicksal, die der Akt der Revolution ist, wird die Erschaffung eines neuen Selbst und neuer Formen der Interaktion und Gemeinschaft mit sich bringen. „Expert_innen“ für irgendetwas können dies nur behindern.

Die Situationistische Internationale entwickelte eine klare Kritik an Rollen und insbesondere an der Rolle der „Militanten“5. Ihre Kritik richtete sich vor allem gegen linke und sozialdemokratische Ideologien, denn das war es, was ihnen hauptsächlich begegnete. Obwohl diese Formen der Entfremdung immer noch existieren und deutlich zu sehen sind, sind es in unserem speziellen Milieu eher die liberalen Aktivist_innen, denen wir begegnen, als die linken Militanten. Dennoch haben sie viele Gemeinsamkeiten (was natürlich nicht überraschend ist).

Der Situationist Raoul Vaneigem definierte Rollen wie folgt: „Stereotypen sind die dominanten Bilder einer Periode… Der Stereotyp ist das Modell der Rolle; die Rolle ist eine modellhafte Form des Verhaltens. Die Wiederholung eines Verhaltens schafft eine Rolle.“ Eine Rolle zu spielen bedeutet, einen Schein zu kultivieren, unter Vernachlässigung alles Authentischen: „Wir erliegen der Verführung geliehener Haltungen“. Als Rollenspieler_innen verweilen wir in der Unauthentizität – reduzieren unser Leben auf eine Aneinanderreihung von Klischees – und „zerlegen [unseren] Tag in eine Reihe von Posen, die wir mehr oder weniger unbewusst aus dem Angebot der herrschenden Stereotypen auswählen.“6 Dieser Prozess ist seit den frühen Tagen der Anti-Road-Bewegung am Werk gewesen. Nach dem Yellow Wednesday in Twyford Down im Dezember ’92 konzentrierte sich die Presse- und Medienberichterstattung auf den Dongas-Stamm und den dreadlock-gegenkulturellen Aspekt der Proteste. Anfangs war dies keineswegs das vorherrschende Element – es gab zum Beispiel eine große Gruppe von Wanderern bei der Räumung.7 Aber die Menschen, die durch die Medienberichterstattung nach Twyford gelockt wurden, dachten, jede einzelne Person dort hätte Dreadlocks. Die Medienberichterstattung hatte den Effekt, dass „normale“ Menschen wegblieben und mehr Dreadlocks tragende Gegenkulturtypen auftauchten – was die Vielfalt der Proteste verringerte. In jüngerer Zeit geschah etwas Ähnliches, als Menschen, die durch die Berichterstattung über Swampy, die sie im Fernsehen gesehen hatten, zu den Protestorten gelockt wurden, begannen, in ihrem eigenen Leben die Einstellungen zu reproduzieren, die von den Medien als charakteristisch für die Rolle der „Öko-Krieger“ dargestellt wurden.8

„So wie die Passivität der Konsumenten eine aktive Passivität ist, so liegt die Passivität der Zuschauer in ihrer Fähigkeit, sich Rollen anzueignen und sie gemäß den offiziellen Normen zu spielen. Die Wiederholung von Bildern und Stereotypen bietet eine Reihe von Modellen, aus denen jeder eine Rolle wählen soll.“9 Die Rolle des\_r Militanten oder Aktivist\_in ist nur eine dieser Rollen, und darin liegt, trotz all der revolutionären Rhetorik, die mit dieser Rolle einhergeht, ihr letztendlicher Konservatismus.

Die vermeintlich revolutionäre Tätigkeit der Aktivist_innen ist eine langweilige und sterile Routine – eine ständige Wiederholung einiger weniger Aktionen ohne Potenzial für Veränderung. Aktivist_innen würden sich wahrscheinlich gegen Veränderungen wehren, wenn sie kämen, weil sie die einfachen Gewissheiten ihrer Rolle und die nette kleine Nische, die sie für sich selbst geschaffen haben, stören würden. Wie Gewerkschaftsbosse sind Aktivist_innen ewige Vertreter_innen und Vermittler_innen. Genauso wie Gewerkschaftsführer_innen dagegen wären, dass ihre Arbeiter_innen in ihrem Kampf tatsächlich Erfolg haben, weil sie dann ihren Job verlieren würden, ist die Rolle der Aktivist_innen durch Veränderung bedroht. In der Tat würde eine Revolution, oder auch nur ein wirklicher Schritt in diese Richtung, die Aktivist_innen zutiefst verärgern, weil sie ihrer Rolle beraubt werden. Wenn jede_r revolutionär wird, dann bist du nicht mehr so besonders, oder?

Warum also verhalten wir uns wie Aktivist_innen? Einfach, weil es die einfache Option für Feiglinge ist? Es ist leicht, in die Rolle der Aktivist_innen zu fallen, weil es in diese Gesellschaft passt und sie nicht herausfordert – Aktivismus ist eine akzeptierte Form des Dissenses. Selbst wenn wir als Aktivist_innen Dinge tun, die nicht akzeptiert werden und illegal sind, bedeutet die Form des Aktivismus selbst – die Art, wie er wie ein Job ist -, dass er zu unserer Psychologie und unserer Erziehung passt. Es hat eine gewisse Anziehungskraft, gerade weil es nicht revolutionär ist.

Wir brauchen keine weiteren Märtyrer_innen

Der Schlüssel zum Verständnis sowohl der Rolle der Militanten als auch der Aktivist_innen ist die Selbstaufopferung – die Aufopferung des Selbst für „die Sache“, die als vom Selbst getrennt betrachtet wird. Das hat natürlich nichts mit wirklicher revolutionärer Aktivität zu tun, da diese die Ergreifung des Selbst ist. Revolutionäres Märtyrer_innentum geht mit der Identifizierung einer Sache einher, die vom eigenen Leben getrennt ist – eine Aktion gegen den Kapitalismus, die den Kapitalismus als „da draußen“ in der City identifiziert, ist grundlegend falsch – die wirkliche Macht des Kapitals ist genau hier in unserem täglichen Leben – wir erschaffen seine Macht jeden Tag neu, weil das Kapital kein Ding ist, sondern eine soziale Beziehung zwischen Menschen (und damit Klassen), die durch Dinge vermittelt wird.

Natürlich behaupte ich nicht, dass alle, die am 18. Juni beteiligt waren, die Annahme dieser Rolle und die damit verbundene Selbstaufopferung in gleichem Maße teilen. Wie ich oben sagte, wurde das Problem des Aktivismus am 18. Juni besonders deutlich, gerade weil es ein Versuch war, aus diesen Rollen und unseren normalen Arbeitsweisen auszubrechen. Vieles von dem, was hier skizziert wird, ist ein „Worst-Case-Szenario“ dessen, wozu das Spielen der Rolle eine_r Aktivist_in führen kann. Das Ausmaß, in dem wir dies innerhalb unserer eigenen Bewegung erkennen können, wird uns einen Hinweis darauf geben, wie viel Arbeit noch zu tun ist.

Ein_e Aktivist_in macht die Politik langweilig und steril und treibt die Leute von ihr weg, aber das Spielen der Rolle versaut auch den_die Aktivist_in selbst. Die Rolle eine_r Aktivist_in schafft eine Trennung zwischen Zweck und Mittel: Selbstaufopferung bedeutet, eine Aufteilung zwischen der Revolution als Liebe und Freude in der Zukunft, und als Pflicht und Routine im Jetzt zu schaffen. Die Weltsicht des Aktivismus wird von Schuld und Pflicht dominiert, weil ein_e Aktivist_in nicht für sich selbst, sondern für eine andere Sache kämpft: „Alle Ursachen sind gleichermaßen unmenschlich.“10

Als Aktivist_in musst du deine eigenen Verlangen verleugnen, weil deine politische Aktivität so definiert ist, dass diese Dinge nicht als „Politik“ zählen. Es wird die „Politik“ in eine separate Box zum Rest des Lebens gesteckt – es ist wie ein Job… es wird „Politik“ von 9 bis 17 Uhr gemacht und dann wird nach Hause gegangen und etwas anderes gemacht. Weil sie sich in dieser separaten Box befindet, existiert „Politik“ ungehindert von allen praktischen Überlegungen zur Effektivität in der realen Welt. Die_der Aktivist_in fühlt sich verpflichtet, die gleiche alte Routine unreflektiert fortzusetzen, unfähig, innezuhalten oder darüber nachzudenken, Hauptsache, die_der Aktivist_in ist beschäftigt und lindert ihre Schuldgefühle, indem sie ihren Kopf gegen eine Backsteinmauer schlägt, wenn nötig.

Ein Teil davon Revolutionär zu sein könnte auch heißen u wissen, wann aufgehört und gewarteten werden sollte. Es könnte wichtig sein, zu wissen, wie und wann mensch für maximale Effektivität zuschlägt und auch, wie und wann mensch NICHT zuschlägt. Aktivist_innen haben diese „Wir müssen JETZT etwas tun!“-Haltung, die von Schuldgefühlen angetrieben zu sein scheint. Das ist völlig untaktisch.

Die Selbstaufopferung eine_r Militanten oder eine_s Aktivist_in spiegelt sich in der Macht über andere als Expert_in wider – wie in einer Religion gibt es eine Art Hierarchie des Leidens und der Selbstgerechtigkeit. Die_der Aktivist_in übernimmt die Macht über andere aufgrund des größeren Leidensgrades („nicht-hierarchische“ Aktivist_innengruppen bilden in der Tat eine „Diktatur

der am meisten Engagierten“). Die_er Aktivist_in benutzt moralischen Zwang und Schuldgefühle, um Macht über andere auszuüben, die in der Theogonie des Leidens weniger erfahren sind. Ihre Unterwerfung ihres Selbst geht Hand in Hand mit der Unterwerfung anderer – alle versklavt für „die Sache“. Selbstaufopfernde Politiker_innen verkümmern ihr eigenes Leben und ihren eigenen Lebenswillen – das erzeugt eine Bitterkeit und eine Antipathie gegenüber dem Leben, die sich dann nach außen wendet, um alles andere zu verdorren. Sie sind „große Verächter_innen des Lebens … die Partisan_innen der absoluten Selbstaufopferung … ihr Leben verdreht durch ihre monströse Askese.“11 Wir können das in unserer eigenen Bewegung sehen, zum Beispiel vor Ort, in dem Antagonismus zwischen dem Wunsch, herumzusitzen und eine gute Zeit zu haben, und der schuldbeladenen Bau-/Befestigungs-/Barrikaden-Arbeitsethik und in der manchmal übertriebenen Leidenschaft, mit der „Rumhänger_innen“ angeprangert werden. Die_er sich aufopfernde Märtyrer_in ist beleidigt und empört, wenn er_sie andere sieht, die sich nicht aufopfern. Wenn z.B. die_er „ehrliche Arbeiter_in“ den_ie Schnorrer_in oder den Faulpelz mit solcher Bitterkeit angreift, wissen wir, dass sie_er in Wirklichkeit ihren Job und das Martyrium, das er_sie aus dem eigenen Leben gemacht hat, hasst und es daher hasst, wenn jemand diesem Schicksal entgeht, hasst, wenn jemand sich vergnügt, während er_sie leidet – er_sie muss alle mit in den Dreck ziehen – eine Gleichheit der Selbstaufopferung.

In der alten religiösen Kosmologie kam der_die erfolgreiche Märtyrer_in in den Himmel. In der modernen Weltsicht können sich erfolgreiche Märtyrer_innen darauf freuen, in die Geschichte einzugehen. Die größte Selbstaufopferung, der größte Erfolg bei der Schaffung einer Rolle (oder noch besser, bei der Erfindung einer ganz neuen Rolle, der die Menschen nacheifern sollen – z. B. die Öko-Krieger_innen) gewinnt eine Belohnung in der Geschichte – den bürgerlichen Himmel.

Die alte Linke war ganz offen in ihrem Aufruf zum heroischen Opfer: „Opfert euch freudig auf, Brüder und Schwestern! Für die Sache, für die etablierte Ordnung, für die Partei, für die Einigkeit, für Fleisch und Kartoffeln!“12 Aber dieser Tage ist es viel verschleierter: Vaneigem wirft „jungen Linksradikalen“ vor, „in den Dienst einer Sache zu treten – der „Besten“ aller Sachen. Die Zeit, die sie für kreative Aktivitäten haben, vergeuden sie mit dem Verteilen von Flugblättern, dem Aufhängen von Plakaten, Demonstrationen oder dem Anpöbeln von Lokalpolitikern_innen. Sie werden zu Militanten, die das Handeln fetischisieren, weil andere ihr Denken für sie übernehmen.“13

Das findest bei uns Widerhall – vor allem die Sache mit der Fetischisierung der Aktion – in linken Gruppen sind die Aktivist_innen frei, sich mit endloser Arbeit zu beschäftigen, weil der_die Gruppenleiter_in oder Guru die „Theorie“ auf dem Kasten hat, die einfach akzeptiert und aufgesogen wird – die „Parteilinie“. Bei Aktivist_innen der direkten Aktion ist es etwas anders – die Aktion wird fetischisiert, aber mehr aus einer Abneigung gegen jegliche Theorie heraus.

Obwohl es vorhanden war, war dieses Element der Aktivist_innenrolle, das auf Selbstaufopferung und Pflichtgefühl beruht, am 18. Juni nicht so bedeutend. Was für uns eher ein Problem ist, ist das Gefühl der Trennung von den „normalen Menschen“, das der Aktivismus mit sich bringt. Die Menschen identifizieren sich mit irgendeiner seltsamen Subkultur oder Clique, als „uns“ im Gegensatz zu dem „sie“ aller anderen Menschen auf der Welt.

Isolation

Die Aktivist_innenrolle ist eine selbst auferlegte Isolation von all den Menschen, mit denen wir uns verbinden sollten. Die Rolle eines_r Aktivist_in anzunehmen, trennt dich vom Rest der menschlichen Rasse als jemand Besonderes und Anderes. Die Leute neigen dazu, ihre eigene erste Person Plural (wen meinst du, wenn du „wir“ sagst?) so zu sehen, als ob sie sich auf eine Gemeinschaft von Aktivist_innen beziehen, statt auf eine Klasse. Zum Beispiel ist es seit einiger Zeit im aktivistischen Milieu populär, für „keine Einzelthemen mehr“ zu argumentieren und für die Bedeutung von „Verbindungen schaffen“. Die Vorstellung vieler Leute von dem, was dies beinhaltet, war jedoch, „Verbindungen“ mit anderen Aktivist_innen und anderen Kampagnengruppen herzustellen. Der 18. Juni demonstrierte dies recht gut, denn die ganze Idee war, alle Vertreter_innen all der verschiedenen Themen an einem Ort zur gleichen Zeit zu versammeln und sich freiwillig in das Ghetto der guten Sache zu begeben.

In ähnlicher Weise haben die verschiedenen Vernetzungsforen, die in letzter Zeit im ganzen Land entstanden sind – die Rebel Alliance in Brighton, die NASA in Nottingham, das Riotous Assembly in Manchester, London Underground usw. – ein ähnliches Ziel: alle aktivistischen Gruppen in der Gegend dazu zu bringen, miteinander zu reden. Ich will das nicht anprangern – es ist eine wesentliche Voraussetzung für jede weitere Aktion, aber es sollte als die extrem begrenzte Form von „Verbindungen herstellen“ anerkannt werden, die es ist. Es ist auch insofern interessant, dass die Gruppen, die an diesen Treffen teilnehmen, gemeinsam haben, dass sie aktivistische Gruppen sind – worum es ihnen eigentlich geht, scheint zweitrangig zu sein.

Es ist nicht genug, nur zu versuchen, alle Aktivist_innen in der Welt miteinander zu verbinden, und es ist auch nicht genug, zu versuchen, mehr Menschen zu Aktivist_innen zu machen. Im Gegensatz zu dem, was einige Leute denken mögen, werden wir einer Revolution nicht näher kommen, wenn jede menge Menschen Aktivist_innen werden. Einige Leute scheinen die seltsame Idee zu haben, dass es notwendig ist, dass alle irgendwie dazu überredet werden, Aktivist_innen wie wir zu werden, und dann werden wir eine Revolution haben. Vaneigem sagt: „Revolution wird täglich gemacht, trotz und gegen die Spezialist_innen der Revolution.“14

Ein_e Militante_r oder Aktivist_in ist ein Spezialist_in für die soziale Veränderung oder Revolution. Die_er Spezialist_in rekrutiert andere für ihr_sein eigenes winziges Spezialgebiet, um ihre_seine eigene Macht zu vergrößern und so die Erkenntnis der eigenen Machtlosigkeit zu zerstreuen. „Ein_e Spezialist_in … rekrutiert sich selbst, um andere zu rekrutieren.“15 Wie ein Pyramidenverkaufssystem ist die Hierarchie selbstreplizierend – mensch wird rekrutiert, und um nicht am unteren Ende der Pyramide zu stehen, muss mensch weitere Leute unter sich rekrutieren, die dann genau das Gleiche tun. Die Reproduktion der entfremdeten Rollengesellschaft wird durch Spezialist_innen erreicht.

Jacques Camatte weist in seinem Essay „On Organization“ (1969)16 scharfsinnig darauf hin, dass politische Gruppierungen oft als „Banden“ enden, die sich durch Ausgrenzung definieren – die erste Loyalität des Gruppenmitglieds gilt dann der Gruppe und nicht dem Kampf. Seine Kritik gilt vor allem für die unzähligen linken Sekten und Gruppierungen, gegen die sie gerichtet war, aber sie gilt auch in geringerem Maße für die Mentalität der Aktivist_innen.

Die politische Gruppe oder Partei setzt sich selbst an die Stelle des Proletariats und ihr eigenes Überleben und ihre Reproduktion werden vorrangig – revolutionäre Aktivität wird zum Synonym für den „Aufbau der Partei“ und die Rekrutierung von Mitgliedern. Die Gruppe nimmt für sich in Anspruch, ein einzigartiges Verständnis der Wahrheit zu haben, und jede_r außerhalb der Gruppe wird von dieser Avantgarde wie ein_e erziehungsbedürftige_r Idiot_in behandelt. Statt einer gleichberechtigten Debatte zwischen Genoss_innen gibt es die Trennung von Theorie und Propaganda, wobei die Gruppe ihre eigene Theorie hat, die fast geheim gehalten wird, in dem Glauben, dass die von Natur aus weniger geistig fähigen Kund_innen mit irgendeiner Strategie des Populismus in die Organisation gelockt werden müssen, bevor sie mit der Politik überrumpelt werden. Diese unehrliche Methode, mit denjenigen umzugehen, die sich außerhalb der Gruppe befinden, ist ähnlich wie bei einer religiösen Sekte – sie werden euch nie im Voraus sagen, worum es ihnen geht.

Wir können hier einige Ähnlichkeiten mit dem Aktivismus sehen, in der Art, dass das aktivistische Milieu wie eine linke Sekte agiert. Der Aktivismus als Ganzes hat einige der Eigenschaften einer „Gang“. Aktivistische Gangs können oft als klassenübergreifende Bündnisse enden, die alle Arten von liberalen Reformist_innen einschließen, weil auch sie „Aktivist_innen“ sind. Die Leute sehen sich in erster Linie als Aktivist_innen und ihre primäre Loyalität gilt der Gemeinschaft der Aktivist_innen und nicht dem Kampf als solchem. Die „Gang“ ist eine illusorische Gemeinschaft, die uns davon ablenkt, eine größere Gemeinschaft des Widerstands zu schaffen. Die Essenz von Camattes Kritik ist ein Angriff auf die Schaffung einer inneren/äußeren Trennung zwischen der Gruppe und der Klasse. Es läuft drauf hinaus, dass wir von uns selbst als Aktivist_innen sehen und daher von der Masse der Arbeiter_innenklasse getrennt sind und andere Interessen haben als diese.

Unsere Aktivität sollte der unmittelbare Ausdruck eines realen Kampfes sein, nicht die Affirmation der Abgegrenztheit und Besonderheit einer bestimmten Gruppe. In marxistischen Gruppen ist die allerwichtigste Macht bestimmende Sache der Besitz von „Theorie“ – im aktivistischen Milieu ist es anders, aber nicht sonderlich: Der Besitz des relevanten „sozialen Kapitals“ – Wissen, Erfahrung, Kontakte, Ausrüstung usw. – ist die primäre Macht bestimmende Sache.

Der Aktivismus reproduziert in seinen Handlungen die Struktur dieser Gesellschaft: „Wenn der_ie Rebell_in zu glauben beginnt, dass er_sie für ein höheres Gut kämpft, bekommt das autoritäre Prinzip Auftrieb.“17 Dies ist keine triviale Angelegenheit, sondern liegt den kapitalistischen Gesellschaftsverhältnissen zugrunde. Das Kapital ist ein soziales Verhältnis zwischen Menschen, das durch Dinge vermittelt wird – das Grundprinzip der Entfremdung besteht darin, dass wir unser Leben im Dienst einer Sache leben, die wir selbst geschaffen haben. Wenn wir diese Struktur im Namen einer Politik reproduzieren, die sich als antikapitalistisch deklariert, haben wir verloren, bevor wir begonnen haben. Entfremdung kann nicht mit entfremdeten Mitteln bekämpft werden.

Ein bescheidener Vorschlag

Dies ist ein bescheidener Vorschlag, dass wir Arbeitsweisen entwickeln sollten, die unseren radikalen Ideen angemessen sind. Diese Aufgabe wird nicht einfach sein, und der Verfasser dieses kurzen Stücks hat keinen klareren Einblick in die Art und Weise, wie wir dabei vorgehen sollten, als jede_r andere. Ich behaupte nicht, dass der 18. Juni aufgegeben oder angegriffen hätte werden sollte, in der Tat war er ein mutiger Versuch, über unsere Grenzen hinauszugehen und etwas Besseres zu schaffen als das, was wir gegenwärtig haben. Aber in seinen Versuchen, mit antiken und formelhaften Vorgehensweisen zu brechen, hat er die Fesseln deutlich gemacht, die uns immer noch an die Vergangenheit binden. Die Kritikpunkte am Aktivismus, die ich oben geäußert habe, treffen nicht alle auf den 18. Juni zu. Es gibt jedoch ein bestimmtes Paradigma des Aktivismus, das im schlimmsten Fall all das einschließt, was ich oben skizziert habe, und der 18. Juni gehörte bis zu einem gewissen Grad zu diesem Paradigma. In welchem Ausmaß genau, müsst ihr selbst entscheiden.

Aktivismus ist eine Form, die uns teilweise durch Schwäche aufgezwungen wird. Wie die gemeinsame Aktion von Reclaim the Streets und den Liverpooler Hafenarbeiter_innen – wir befinden uns in Zeiten, in denen radikale Politik oft das Produkt von gegenseitiger Schwäche und Isolation ist. Wenn dies der Fall ist, liegt es vielleicht nicht einmal in unserer Macht, aus der Rolle der Aktivist_innen auszubrechen. Es mag sein, dass in Zeiten eines Rückgangs der Kämpfe diejenigen, die weiterhin für die soziale Revolution arbeiten, an den Rand gedrängt werden und dazu kommen, als eine besondere, separate Gruppe von Menschen gesehen zu werden (und sich selbst zu sehen). Es kann sein, dass dies nur durch einen allgemeinen Aufschwung des Kampfes korrigiert werden kann, wenn wir keine Spinner_innen und Freaks mehr sind, sondern einfach das auszusprechen scheinen, was allen auf der Seele liegt. Wie auch immer, um an der Eskalation des Kampfes zu arbeiten, wird es notwendig sein, mit der Rolle der Aktivist_innen zu brechen, in welchem Ausmaß auch immer das möglich ist – um ständig zu versuchen, an die Grenzen unserer Beschränkungen und Zwänge zu stoßen.

Historisch gesehen haben die Bewegungen, die einer De-Stabilisierung oder Beseitigung oder Überwindung des Kapitalismus am nächsten gekommen sind, keineswegs die Form des Aktivismus angenommen. Aktivismus ist im Wesentlichen eine politische Form und eine dem liberalen Reformismus angepasste Arbeitsweise, die über ihre eigenen Grenzen hinausgetrieben und für revolutionäre Zwecke eingesetzt wird. Die aktivistische Rolle an sich muss für diejenigen, die eine soziale Revolution wünschen, problematisch sein.

Veröffentlicht Oktober 1999 in Do Or Die Nr. 9

Übersetzung: Libri Felis Nigrae

1Anm. d. Übs.: Der Text erschien als Reaktion auf die Ereignisse des „Carnival Against Capital“ am 18. Juni 1999 in London (auch bekannt als J18).

2Anm. d. Übs.: gemeint ist die City of London

3Squaring up to the Square Mile: A Rough Guide to the City of London (J18 Publications (UK), 1999) S. 8

4Siehe: ‘Direct Action: Six Years Down the Road’ in Do or Die Nr. 7, S. 3

5Anm. d. Übs.: In anderen Sprachen wird „Militante“ oft für (linke) Parteiaktivist_innen verwendet.

6Raoul Vaneigem — The Revolution of Everyday Life (Left Bank Books/Rebel Press, 1994) — Erstveröffentlichung 1967, S. 131–3

7Siehe: ‘The Day they Drove Twyford Down’ in Do or Die Nr. 1, S. 11

8Siehe: ‘Personality Politics: The Spectacularisation of Fairmile’ in Do or Die Nr. 7, S. 35

9ebd. 6, S. 128

10ebd. 6, S. 107

11ebd. 6, S. 109

12ebd. 6, S. 108

13ebd. 6, S. 109

14ebd. 6, S. 111

15ebd. 6, S. 143

16Jacques Camatte — ‘On Organization’ (1969) in This World We Must Leave and Other Essays (New York, Autonomedia, 1995)

17ebd. 6, S. 110

Anonym eingereichter Beitrag.

Formular um anonym Beiträge einzureichen:
https://schwarzerpfeil.de/anonymen-beitrag-einreichen/

Source