Missing Link: Service Provider, Internet und Politik – eine langsame Annäherung

Die erste Generation von IT-Netzwerkern geht in den Ruhestand. Quereinsteiger Sebastian von Bomhard hat mit SpaceNet einen der ersten deutschen ISP gegründet.

Sebastian von Bomhard hat einen der ersten Internet Service Provider (ISP) in Deutschland gegründet, sich den Börsengang verkniffen und den Konzentrationsprozess im deutschen Providermarkt auf seine ganz eigene Art überstanden. Der Politik stellt er kein so gutes Zeugnis aus, anerkennt aber, dass auch sie dazugelernt hat, wenn auch nicht immer das Richtige. Außerdem ist von Bomhard einer der Quereinsteiger unter den deutschen Netzpionieren. Informatik hat er nie studiert und der fehlende Uni-Stallgeruch hat den Münchner Unternehmer wohl in mancher Hinsicht zum Außenseiter gemacht. So war für ihn der Aufbau seiner ersten Netzverbindung gar nicht so einfach. Vielleicht liegt es an den dedizierten Ansichten des Bayern.

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Dies ist eine weitere Folge unserer Gesprächsserie mit Pionieren des deutschen Internets:

  • Der Herr der Routen – vom funktionierenden Netz und den Grundlagen (Rüdiger Volk)
  • Von der (Un-)Sicherheit in der Informationstechnik (Hans Peter Dittler)

Politik und Provider mussten sich aneinander gewöhnen

heise online: Von „pseudorelativkomplementären Verbänden“ zum Internet – wie geht denn das?

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Sebastian von Bomhard

(Bild: SpaceNet AG)

Sebastian von Bomhard: Wieso ich kein Informatiker bin, ist schnell beantwortet. Ich bin einfach schon grauenhaft alt. Als ich anfing zu studieren, konnte man gerade mal in Karlsruhe, Dortmund und München Informatik studieren. Berlin kam neu hinzu. Aus familiären und romantischen Gründen zog es mich aber nach Heidelberg und da führte überhaupt kein Weg zur Informatik. Viele Mathematiker waren geradezu stolz drauf, dass man Mathematik mit Papier und Bleistift betreiben kann. Dass man überhaupt keinen Rechner braucht dafür, und was soll ich sagen, ich bin ja voll auf dieser Linie. Es hat mir großen Spaß gemacht, Mathematik zu studieren, und die Informatik hätte vielleicht auch gar nicht die Antworten für mich gehabt, die ich damals haben wollte. Studiert habe ich es nicht, aber am Ende noch eine Diplomprüfung in Informatik abgelegt, im Nebenfach.

Sie haben auch schon programmiert.

Von Bomhard: Genau. Das wurde damals auch nicht so scharf abgetrennt. Es ist ja auch die Frage, was genau ist eigentlich Informatik. Auch Informatikern ist es gelungen, innerhalb kürzester Zeit ihr Fach zu einer echten Wissenschaft zu machen. Man hat sich schnell mit Dingen beschäftigt, die sehr nach Elfenbeinturm geklungen haben. Busy Beaver, der unglaublich dumme, aber endlos geduldige Automat oder aber der unendliche Automat, der alles konnte. Alles spannend, aber ich bin eben Algebraiker und es hat mir Spaß gemacht, mit Ordnungen zu arbeiten – vielleicht um meinen Hang zur Unordnung auszugleichen. Die pseudorelativkomplementären Verbände sind eigentlich nichts anderes als Ordnungs-induzierte algebraische Konstrukte. Als es dann ans Geldverdienen ging, war die Informatik beziehungsweise die IT oder EDV, wie es damals noch hieß, eine wunderbare Möglichkeit, Geld zu verdienen.

Getränkeautomat in USA von München aus überwacht

Was kam zuerst, die Gründung von SpaceNet oder muc.de?

Von Bomhard: Ich habe mich seit den 80er Jahren mit Internet beschäftigt. TCP/IP und die Vernetzung von Rechnern fand ich rasend spannend. Unter anderem habe ich bei einem großen deutschen Telekommunikationsunternehmen, das damals noch eine Behörde war, jede Menge Schulungen zu dem Thema gegeben. Heute könnte ich mich fragen, ob ich da Nattern großgezogen habe (lacht). 1992 war ich in den USA und habe mich, ohne eingeschrieben zu sein, an der Carnegie-Mellon-Universität herumgetrieben. Ich habe da wahnsinnig interessante Gespräche mit coolen Leuten geführt und auch am Computer gezockt. Einer meiner Gegenspieler saß dabei in Berkeley. Bloß, das habe ich erst gar nicht geschnallt und das hat mich sehr fasziniert. Das zweite Schlüsselerlebnis lieferte ein Cola-Automat an der Carnegie Mellon. Der stand im minus-siebten Stock und wenn man von der Raucherebene im 14. Stock dahin wollte, war das ein langer Weg. Wenn man ankam und keine Cola mehr da war, war das ziemlich deprimierend. Ein Student hat daraufhin eine Sun geschlachtet, immerhin Hardware, für die ich zu dem Zeitpunkt gemordet hätte, und hat die in den Automaten eingebaut mit Sensoren, so dass sie mitteilen konnte, wie viele Cola-Dosen noch drin sind. Über eine ewig lange URL konnte man das abfragen und was mich leicht umgehauen hat war, dass das auch noch von München aus über das Leibniz-Rechenzentrum ging. Einerseits war das total sinnlos, andererseits hat es mir gezeigt, welche Power in einer weltweiten Vernetzung stecken könnte.

Anschluss für jedermann

Und zurück in München haben Sie dann muc.de gegründet?

Von Bomhard: Erst einmal wurde ich Mitglied der GUUG, der German Unix User Group. Aus meiner Sicht ist das eine der Internet-Pionier-Organisationen in Deutschland. Jedes GUUG-Mitglied konnte sich auf dem GUUG Rechner einen Account geben lassen. Der wurde damals von der Elektrotechnik an der Uni München versorgt, keineswegs von den Informatikern. Allerdings ließ die Quality of Service natürlich ein bisschen zu wünschen übrig. Denn das waren von Studenten gepflegte Accounts und wenn da mal etwas nicht ging, dann ging es eben nicht. Außerdem war die kommerzielle Nutzung natürlich untersagt. Ich habe mir dann überlegt, was man eigentlich tun muss, um Privatleute, also Menschen, die nicht über die GUUG kommen, die auch keinen LRZ-Background haben, mit Netzzugang zu versorgen. So ist die Idee mit muc.de entstanden.

Die Liste der muc-User heute sieht ziemlich klein aus.

Von Bomhard: Muc im eigentlichen Sinn gibt es natürlich heute nicht mehr. Der Verein, mit vollem Namen übrigens „MUC.de Verein zur Förderung privat betriebener Datenkommunikation e.V.“, wurde aufgelöst, genauso wie der Dachverband Individual Network e.V.. Klar, was gibt es denn da noch zu fördern. Als Maildomain war muc.de noch eine Weile interessant, eine Attraktion blieb zeitweise noch, dass man auf dem Server eigene Webseiten basteln konnte. Aber das kann heute jeder überall.

Initialzündung für SpaceNet 1993

Und wie viele Privatleute haben das genutzt?

Von Bomhard: Der Verein selbst hatte sieben Gründungsmitglieder, eine Handvoll Leute kam später dazu. Verpflichtung war, sich an der Administration zu beteiligen und sich um User zu kümmern. Unser Rekord war an die 1000 Nutzer 1994. Anfangs kamen die Anmeldungen Waschkörbe-weise herein. Ende 1993 kam dann die Initialzündung für die SpaceNet. Auf der Systems hatte mich jemand gefragt, wie er an eine preiswerte Leitung von München nach Berlin kommt. Denn die Post bot zwar DatexP-Leitungen an, die waren aber irre teuer, weil sie auf der Grundlage eines geteilten Deutschlands berechnet waren. Wer 1988 einen der üblichen Zehnjahresverträge abgeschlossen hatte, musste 1993 immer noch so bezahlen, als ob das durch den eisernen Vorhang gehen müsste. Ich habe dann einen Menschen von einer lustigen Firma kennengelernt. Die hieß SpaceLine, und damit enthüllt sich das Mysteriums meines Firmennamens. SpaceLine hat einzelne Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zur Verfügung gestellt und die Aufgabe für SpaceNet war es dann praktisch, daraus einen Teil des Internets zu bauen.

Gab es Kunden?

Von Bomhard: Ja. Wir haben ein bisschen geworben, eine Minianzeige bei der iX hat eigentlich schon ausgereicht gereicht. heise war ja damals das Zentralorgan der technisch Interessierten. Wir haben Hunderte von Anfragen bekommen. Alle wollten ihre Standleitungen gerne durch unsere Satellitenleitung ersetzen. Als Thyssen-Tochter hatte SpaceLine Zugriff auf eine Riesenschüssel seines Mutterkonzerns in Düsseldorf. Die haben wir dann per Standleitung ans Eunet gehängt und dadurch bekam jeder, der von uns eine Standleitung gekauft hat, automatisch auch einen Internetzugang. Die Standleitung war ja quasi virtuell, sie ging rauf zum Satellit, runter zum Hub, rauf zum Satellit und runter zum Ziel. Weil der Hub in der Mitte am Internet hing, konnte man dort die Pakete abzweigen, die woanders hin mussten. Super Idee, haben wir gleich Produkte draus gemacht. Aber wir waren etwas blauäugig, wir haben drei Stunden Reaktionszeit in ganz Europa garantiert – und das hat uns keiner geglaubt. Natürlich hatten wir das, wir haben auch entsprechende Service-Verträge geschlossen. Aber der Vertrieb war schwierig, und die Investitionen waren damals nicht von Pappe. Für einen Fünfjahresvertrag zur Verbindung von zwei Standorten war schon eine siebenstellige Summe fällig, und nochmal eine halbe Million für jede weitere Filiale. Immer mehr Leute haben bei uns anklopft und gefragt, ob sie nicht einfach bloß das Gimmick in der Mitte beziehen könnten, also den Internetzugang. Nach ein paar Monaten habe ich entschieden, dass wir das Geschäft mit den Standleitungen einstampfen und stattdessen einfach mal Internet liefern.

Vor allem Standleitungen verkauft

Das war dann der Start des Service-Providers SpaceNet.

Von Bomhard: Genau. Wir hatten zu der Zeit unsere Schwierigkeiten mit Eunet, die monierten, dass wir um Erlaubnis fragen müssten, um als ihr Reseller anzutreten. Ich habe uns nicht als Reseller gesehen. Eigentlich hab ich ja zunächst vor allem Standleitungen verkauft. Auch mit dem Münchner Xlink-PoP (Point of Presence) war ich über Kreuz. Die mochten mich nicht.

Was war der Grund? Lag es daran, dass Sie nicht aus einem Uninetz kamen und als kommerzieller Anbieter aufgetreten sind?

Von Bomhard: Genau. Aus der Gründungsgeschichte von muc.de kannte ich einige Leute. Frank „Terra“ Simon und Vera Heinau – beide übrigens die Pioniere des Individual Network. Sie haben mich auf die Xlink-PoP-Gruppe aufmerksam gemacht. Das war IsarNet, und ich habe die besucht und gefragt, was brauchen wir, um loszulegen. Bei IsarNet hat man sich aber erst einmal sehr grundsätzlich mit Fragen befasst, welche Kapazitäten braucht es für Newsserver und Mailserver, wie sollen die technischen Konzepte aussehen. Ich habe gesagt, dass ich mich einfach mal um Hardware kümmere. Bis zum Treffen eine Woche später hatte ich Donatus Schmidt von Sun drei Suns rausgeleiert und Martin Twickler von der TLK einen Haufen Telebit-Modems. Ich habe gesagt, okay, lasst uns anfangen. Aber bei IsarNet fand man, dass wir noch nicht so weit waren. Warten kam für mich da nicht in Frage. Ich hatte all den Leuten Hardware abgeschwatzt und fühlte mich in der Pflicht. Also habe ich meine Geräte angeschlossen, mit dem LRZ verhandelt und eine Standleitung bestellt und innerhalb von drei Wochen war ich online. Klar, ich musste mir noch ein Buch kaufen, in dem drin stand, was ein Provider alles wissen muss, „in a nutshell“. In gewisser Weise war ich vielleicht auch konservativer als der klassische Techie, gar nicht rechts. Aber aufgrund meiner Beratungsjobs kam ich mit geputzten Schuhen und ich kam nicht aus der Uni.

“Am Ende nimmt die Telekom noch alles weg”

Und woher kam dann die Internetverbindung?

Von Bomhard: Wegen der Unstimmigkeiten mit Isarnet/Xlink bin ich letztlich nach Karlsruhe gefahren und habe dort mit Professor Rotert gesprochen und mir dort einen Vertrag erbeten. Ein Xlink-Mitarbeiter hat mich dabei übrigens immer sehr neutral beraten und hat mir gesagt, die wollen dich alle absägen, die mögen dich nicht – das war Arnold Nipper. Dem habe ich wirklich viel zu verdanken. Er hatte die Weitsicht zu sagen: Was soll der Hickhack? Das Internet ist eine tolle Sache und wenn wir uns bekriegen, nimmt uns am Ende doch noch die Telekom alles weg. Ziemlich dankbar bin ich Dave Morton, der beim Siemens European Computer Research Center (ECRC) still und heimlich selbst einen Provider gegründet hat und mir später, als das mit Xlink doch in die Brüche gegangen war, Netzzugang geboten hat. Zugleich hat er mich gedrängt, endlich selbst unabhängiger Provider mit eigenem AS (Autonomes System) und Routing zu werden. Ich habe anfangs einfach gedacht, ich muss ja nicht alles selber machen, ich will nur Internet kaufen. Dave hatte aber einfach nur Recht. Zusammen haben wir auch noch versucht, die Kommerzialisierung des Domainmarkts zu verhindern, was uns sagenhaft misslungen ist.

Domains: Identifier oder Ware?

Warum wollten Sie denn die Kommerzialisierung des Domainmarkts verhindern?

Von Bomhard: Es war ein Paradigmenwechsel. Wir fanden, jede Organisation und jeder Mensch braucht maximal eine Domain. Denn der Raum an vernünftigen Namen ist ja begrenzt, und da kamen schon die ersten Pharmafirmen, die gerne 800 Begriffe reservieren wollten. Natürlich haben die so viele eingetragene Marken. Aber was hindert eine Beiersdorf daran, die Namen unter seiner Beiersdorf-Domain zu registrieren? So war der hierarchische Namensraum doch mal gedacht. Als nächstes kamen dann mir noch weniger sympathische Leute, die Domainhändler und Grabber. Die haben dann allen, die nicht schnell genug waren, ihre Namen weggeschnappt. Das war eine einzige Streiterei. Ich habe viele Aufträge von Kunden bekommen, ihre Namen wiederzubeschaffen. Darunter war übrigens auch der Flughafen München, der mich damit betraute, diesen Widerling zur Strecke zu bringen, der die Domain muc.de hat (lacht).

Wie ging das denn aus?

Von Bomhard: Ich habe empfohlen, das IATA-Kürzel MUC als eine der ersten Domains in der damals neu geschaffenen Top-Level-Domain .iata zur registrieren. Der Flughafen selbst heißt ja auch gar nicht MUC, sondern FJS. Zudem habe ich geraten, die Domain flughafen-muenchen.de beziehungsweise airport-munich.de zu nehmen. Das hat wunderbar geklappt. Es ging mir bei den Domainfragen gar nicht um irgendein Dogma, sondern darum, einer extremen Kommerzialisierung schlichter Kennzeichen – so habe ich Domains verstanden – entgegenzuwirken. Gefallen hat mir, dass wir mit der Denic anders als bei .uk und .at auf einen flachen Namensraum gesetzt haben.

Sie waren viele Jahre im Aufsichtsrat der Denic, 2007 aber kam es zur Auseinandersetzung über die Trennung von Sabine Dolderer. Was ist passiert?

Von Bomhard: Anlass für die Trennung von Sabine war damals, dass sie praktisch in Eigenregie einem Mitglied Sonderkonditionen für den Massenumzug von Domains zugestanden hat. Das kostete normalerweise ein Euro pro umgezogener Domain und das Mitglied wollte das nicht bezahlen, weil das wegen der vielen Domains ein großer Batzen gewesen wäre. Meiner Meinung nach verstieß die Sonderregelung gegen die Idee der Genossenschaft. Ich musste mir damals viel Kritik anhören wegen der Trennung von Sabine, die der Aufsichtsrat aber insgesamt mitgetragen hat. Als es sich hinterher einzelne Aufsichtsratsmitglieder anders überlegt haben, war die Trennung unvermeidlich. Rückblickend war es okay, wenn auch schade. Ich hätte gerne mein Zehnjähriges in der Denic noch erlebt und wäre gerne unter anderen Umständen ausgeschieden. Aber ich hatte danach viel mehr Zeit für eigene Projekte.

Einwahl ins Netz für schmales Geld

Kommen wir zur SpaceNet zurück, wer waren denn die ersten ISP-Kunden 1994?

Von Bomhard: Dazu gehörte beispielsweise ein Rechenzentrum, also ein Anbieter, der für Kunden Jobs gerechnet und Ergebnisse auf grün-weiß-gestreiftem EDV-Papier geliefert hat. Die fanden es spannend, mit dem Internet herumzuspielen, um sich das künftig zu sparen. Dann kamen verschiedene Abrechnungsanbieter. Eine Menge größerer Firmen haben schon ein bisschen Budget vorgesehen und sind so nach und nach dazugekommen.

Wie hat sich denn die Kundenstruktur geändert seither?

Von Bomhard: Das hat sich sehr stark verändert. Mit muc.de waren wir ursprünglich in der glücklichen Lage, Privatkunden nicht abweisen zu müssen. Das hätte ja arrogant geklungen. Bei SpaceNet haben wir uns aber von Anfang an ausschließlich auf gewerbliche Kunden konzentriert. An die 10000 dürfte der Höchststand gewesen sein, genau kann ich das nicht mehr sagen. Unser bekanntestes Produkt war anfangs die Einwahl ins Netz für schmales Geld. Allerdings haben damals die Telefongebühren reingehauen. Die Post hat ja schon verdient, als sie noch gar nicht wusste, wie man Internet schreibt. Inzwischen gibt es den reinen Wählzugang oder den kleinen Webserver nicht mehr bei uns. Das kommt daher, dass wir nichts im Bereich 9,95 Euro oder 99 Cent haben.

Dafür sind dann die großen Hoster angetreten. Wie hat sich SpaceNet finanziert?

Von Bomhard: In den ersten Jahren war es ein Hungerleiderjob. Die Banken waren damals noch nicht bereit, für so etwas komplett Unbrauchbares wie Internet Geld bereitzustellen. Ich ging also auch nach der Gründung parallel noch “anschaffen“ (lacht) und habe Systeme aufgesetzt und als Berater gearbeitet. Das hatte ich ja schon davor gemacht und damit ließ sich nach wie vor hervorragend Geld verdienen. Sobald ich es mir leisten konnte, habe ich alles abgegeben, was die Finanzen anbelangt. Ich kenne meine Stärken und meine Schwächen und Geld hat mich nie so sehr interessiert. Es ist schön, wenn ich meinen Ideen nachgehen und die realisieren kann. Inzwischen habe ich auch einen Ko-Vorstand, weil ich mich aus dem Operativen etwas zurückgezogen habe. Das Tagesgeschäft macht er. Ich fühle mich immer noch mehr zuständig, für das, was man nicht sieht – also das, was in fünf Jahren ist.

Wer macht was im frühen Internet

Hat München eigentlich auch an der Wiege des deutschen Internets mitgeschaukelt? Es wird ja meist nur von Dortmund oder Karlsruhe gesprochen.

Von Bomhard: Der Streit zwischen Dortmund und Karlsruhe ist schnell erklärt. Es waren zwei Unis, die sich da beharkt haben, und die waren als Uni sofort angeschlossen. Man darf dabei allerdings nicht vergessen, das DFN war auch schon ziemlich alt zu dem Zeitpunkt. Interessant ist doch, dass München lange nicht am DFN hing. Das liegt daran, dass das Leibniz Rechenzentrum vorher schon Internet hatte. Dem DNF-Konzept hat man sich in München eher zähneknirschend untergeordnet. Das ist so eine alte München-Berlin-Sache.

Freistaat Bayern …

Von Bomhard: Klar. Baden-Württemberg hat mit dem BelWü aber das Gleiche gemacht. Einfach ein eigenes Netz gebaut, das man nicht vom Wohl und Wehe der Berliner abhängig macht, die zwar viele Ideen haben, aber nie Geld – und die außerdem super sind im Ausdenken von Regularien. Kleines Beispiel: Die Email-Adress-Konvention des DFN war so lang, dass sie kaum auf eine Seite passte. Die Technische Universität München hatte beispielsweise ursprünglich die Domain tum.edu. Die mussten sich dann aber tu-muenchen.de nennen. Intern hat man weiter tum.edu genutzt. Auch bei der LMU und der tubl.de, das war die Uni Berlin, war es so. Selbst in Berlin hat man sich also nicht so recht dran gehalten.

Bang-Adressen: Lange Liste mit Ausrufezeichen

Also steht eine Internetwiege im Freistaat?

Von Bomhard: Die allererste Leitung, die überhaupt über den Teich an eine Uni hingelegt wurde, war 1989 die Leitung zur Uni Dortmund. Nur, was war denn das eigentlich für ein Internet? Zunächst war Dortmund einfach der wichtigste Knoten für Kommunikation diesseits des Teichs. Damals hatte man noch diese Bang-Adressen. Das war eine lange Liste mit Ausrufezeichen dazwischen, also: “mein Rechner!dein Rechner!dein Knoten!der Empfängerknoten!”, usw. usw.. Ganz am Schluss kamen ein letztes Ausrufezeichen und der Username auf dem letzten angegebenen System. Das Problem war natürlich, dass man den Weg komplett beschreiben musste. Als das Netz immer größer wurde – von Internet will ich noch gar nicht sprechen – wurde das ziemlich unhandlich. Man kann nicht den Pfad zu allen seinen Freunden im Kopf haben, und das Herumschicken von UUMaps, aus denen man die Standardpfade mit einer Applikation herausziehen konnte, war auch aufwändig. Da hat sich die UniDo mit der Einrichtung eines „wissenden Pfads“ verdient gemacht. Jeder, der seinen Bang-Pfad zur UniDo gekannt hat, konnte registrierte User, die riesig lange Pfade hatten, dort erreichen. Als die Dortmunder ihre Leitung hatten, hat der Professor Zorn in Baden-Württemberg gesagt: Das kann ja wohl nicht angehen. Die Nordrhein-Westfalen haben etwas, was wir hier nicht haben, und er hat deswegen noch im Dezember desselben Jahres auch eine Leitung bekommen. Tja, und dann hatte man zwei Leitungen nach Deutschland. Oldenburg war auch früh dabei, denn dort gab es zwei merkwürdige Rechner, die für die Stabilität des Nameservers in Deutschland sehr wichtig waren. Der eine heiß deins und der andere meins, tatsächlich hießen sie D1 und M1. Kommerziell hat Oldenburg keine große Rolle gespielt. Aber was ist jetzt mit der Geburtsstunde des Internets? Da geht es meiner Meinung nach um mehr als wer mal eine Leitung hatte. Also das LRZ hat jedenfalls sehr schnell mitgezogen. Dort gab es den Herrn Dr. Läpple und als ich mich beim verantwortlichen Professor Hegering eigens bedankt habe, dass wir unseren Verkehr beim LRZ abliefern durften, wusste der davon noch gar nichts. Ich habe ihm schnell versichert, dass der Herr Dr. Läpple den Ruf des Lehrstuhls gemehrt und nach außen getragen habe, und das hat der Zusammenarbeit nicht geschadet. Rückblickend muss ich sagen, vielleicht hätte ich die SpaceNet nicht gegründet, wenn man damals Internet schon hätte kaufen können. Aber das gab es eben nicht. Also musste ich eine Firma gründen, um es zu bekommen.

Vom Mini-RZ zum großen Ökorechenzentrum

Die SpaceNet hat im Lauf der Jahre mehrere eigene Rechenzentren gebaut, richtig?

Von Bomhard: Die SpaceNet hat zunächst ihr einzelnes Rechenzentrum immer weiter vergrößert. Als wir dann 1998 als schon unglaublich erwachsene Firma (lacht) an den Dollinger Bogen gezogen sind, war es ausgemachte Sache, dass wir den ganzen Keller Rechenzentrums-tauglich ausbauen. Aus heutiger Sicht war das ein Minirechenzentrum, mit 350 Quadratmetern, gekühlt und mit einer später nachgerüsteten USV. Heute wird das ganze nur noch als Netzknoten verwendet. Da wird nichts mehr gehostet. Dann haben wir das Rechenzentrum von Cable & Wireless in der Landsberger Straße übernommen, das war ein guter Deal für uns, auch weil wir ein paar gute Mitarbeiter mit dazu gekriegt haben. Als dieses Rechenzentrum auch voll wurde, haben wir wieder ein neues eröffnet, das war die EMC hostco. Dahin haben wir schon viele Rechner aus dem Dollinger Bogen migriert. Mittlerweile sind wir dort Kunde bei meinem ehemaligen Partner, Herrn Hutter.

Derzeit bauen Sie aber neu, oder?

Von Bomhard: Genau, und dieses Mal von Grund auf. Einmal wollten wir, dass etwas zu Beton und Draht wird, was wir uns ausgedacht haben: ein beeindruckender PUE-Wert (Power Usage Efficiency), sicher, ökologisch und klug. Es war eines der größten Projekte in der Firmengeschichte.

Ist es fertig?

Von Bomhard: Na ja, wann ist schon mal irgendwas wirklich fertig. Also wir arbeiten schon drin, aber es ist noch nicht zur Gänze abgenommen.

Sie nutzen da Strom aus erneuerbarer Energie, nur im neuen RZ?

Von Bomhard: Wir haben schon mit erneuerbarem Strom gearbeitet, als wir das neue RZ noch nicht geplant hatten. Aber da bin ich mehr Unternehmer als Indoktrinator. Es war früher immer so, dass die Kunden sich das selbst aussuchen durften. Das halte ich nur für fair. Dadurch, dass ich beide Stromarten angeboten habe, konnten Firmen entscheiden, ob sie den grünen Strom wollen. Wem finanziell das Wasser bis zum Hals steht, dem zwinge ich das nicht auf. Wer es macht, bewirbt es auch selbst. Im neuen Rechenzentrum schaut es anders aus. Die Preisunterschiede sind nicht mehr so gravierend. Daher war es organisatorisch einfacher, dass wir alles an erneuerbaren Strom angehängt haben.

Vom Wandel des ISP-Markts in Deutschland

Wie sehen Sie das ISP-Sterben in den vergangenen Jahren?

Von Bomhard: Das Wort ISP-Sterben bringt uns in eine falsche Schlussfolgerungsspirale. Die Frage ist doch mehr, was wird aus diesen Unternehmen. Ein paar haben ihre Kundenzahl so weit reduziert, dass sie am Ende für einen einzelnen Kunden die komplette IT gemacht haben und sind vielleicht Systemhaus geworden. Manche haben ihre Marken abgegeben, mit denen sie im Internet groß geworden sind. Uns gibt es noch, aber auch wir haben unser Geschäftsmodell total verändert. Die SpaceNet, wie sie 1995 existierte, gibt es nicht mehr. Ich selbst konnte mal am Geräusch eines sich konnektierenden Modems feststellen, ob es ein Trailblazer oder ein Robotics oder sonst was ist.

Weil Sie Hobbymusiker sind?

Von Bomhard: Nein, weil ich es so oft gehört habe. Das ist heute ungefähr so interessant wie Keilschrift oder Assyrisch. Das braucht keiner mehr. Heute haben wir dagegen mit vielen Dingen zu tun, die gar nicht Internet sind. Mit internen Portalen unserer Kunden, die niemand im Internet sieht. Altmodisch sind wir in der Hinsicht, dass wir noch den Ehrgeiz haben, alles aus einer Hand zu liefern. Wir haben eine Webabteilung gegründet, sobald es das Web gab. Wir haben eine Sicherheitsabteilung. Wir haben eine Outsourcing-Abteilung. Wir betreuen ganze Landschaften. Ich weiß nicht, wie lange das noch Zukunft hat.

Das klingt nach Full-Service-ISP, aber wo gibt es das noch?

Von Bomhard: Bei Spacenet. Aber wir sind nicht die einzigen. Ich werde jetzt nicht die Namen aller schrecklichen Wettbewerber aufzählen.

Firmensterben und Konzentration am Markt

Die Zahl hat aber abgenommen, oder?

Von Bomhard: Die Zahl hat abgenommen und die Größe hat dafür zugenommen. Wir sind heute auch über 100, das brauchen wir, um glaubwürdig Kundenprojekte zu machen. Ich verstehe die Leute, die ihre Selbstständigkeit aufgegeben haben. Die haben mit viel Eigeninitiative einen Laden aufgebaut, wollten aber nicht immer weiter wachsen und den an die Börse bringen und dann über eine Exit-Strategie nachdenken. Mancher hat sich irgendwann mal die Sinnfrage gestellt und wenn dann jemand mit einem ordentlichen Scheck wedelt – und die Beträge, mit denen vor meiner Nase gewedelt wurden, waren durchaus beeindruckend (lacht) –, dann kann der ein oder andere sich entscheiden, dass er herausgeht.

Also gab es keinen Konzentrationsprozess?

Von Bomhard: Doch. Der Konzentrationsprozess ist der gute Ausdruck dafür, das Sterben der schlechte. Übrigens war der Börsengang auch mal ein Thema für uns. Das war in der Zeit, als alle unsere Wettbewerber mit Geld um sich geworfen haben. Sie haben Kunden zu Preisen akquiriert, bei denen wir draufgezahlt hätten – und die haben auch draufgezahlt. Da habe ich entschieden, damit wir das überleben, gehen wir auch an die Börsen. Wir haben die Firma schnell in eine AG umgewandelt, das war auf jeden Fall gut. Nach längerer Beschäftigung – die Einschläge am Neuen Markt kamen auch schon näher – habe ich mich gefragt: Was bringt es wirklich? Wir können mit Marketinggeld um uns werfen, okay. Aber was ist das Ziel? Und mit Erschrecken habe ich festgestellt, dass der einzige vernünftige Exit ist, dass das Ding dann weiter zukauft, bis es sich so überfressen hat, dass es von jemand anderem geschluckt wird. Oder dass es eben nicht mehr die Firma ist, die es vorher war. Dann haben wir den Börsengang abgeblasen, obwohl wir ganz schön Geld ausgegeben hatten.

Fördermittel großflächig ausgeschüttet, von wenigen eingesammelt

Gibt es den Markt für regionale Carrier in Deutschland noch?

Von Bomhard: Nein. Das ist ein Politikum, zu dem ich wohl besser gar nichts sagen sollte.

Schade.

Von Bomhard: Wir wissen ja, es gibt ein Staatsunternehmen, ein ehemaliges oder verdecktes. Das hat den Markt geprägt. Ich hatte Kunden, die in diesem Markt unterwegs waren. Bei manchen hätte ich mich sogar beteiligt. Aber es war immer dasselbe, die sogenannten Fördermittel wurden großflächig ausgeschüttet und von wenigen Unternehmen eingesammelt. Nur haben die an keiner Stelle sofort geliefert, sondern stets erst dann, wenn ein alternatives Konzept drohte. So haben wir alles abgehängt, was Region war. Die sind erst Jahre später erschlossen worden. Eine Zeitlang habe ich es subversiv versucht und Bürgermeistern erklärt, dass sie nur so tun müssten, als ob jetzt jemand käme, weil dann kommt ja jemand und macht was, bevor sich Konkurrenz breitmacht. Ein paar haben das tatsächlich gemacht. Es hat jedes Mal funktioniert.

Hat die Telekom nicht auch beim Verkauf des Kabels klug regionale Anbieter, gerade auch in Bayern, verhindert?

Von Bomhard: Aus der Sicht der Politik muss man sich die Frage stellen, ob es klug war, eine Firma, die bis dahin noch eine wohlbestallte Behörde war, so ins kalte Wasser zu werfen und zugleich von ihr zu verlangen, dass sie jedes Jahr Fantastillionen an Dividenden rausrückt und gleichzeitig noch dafür sorgt, dass sie Monopolist bleibt. Das zarte Pflänzchen des Markts war nur ein Feigenblatt und als solches war es auch gedacht. Warum ich mich so bemerkenswert schlecht im Markt der Carrier auskenne, kommt daher, dass ich keiner bin. Genau deswegen. Es war völlig sinnlos, sich da zu engagieren. Aber man soll ja nicht immer nur kritisieren, sondern selbst liefern. Also, wie hätte ich den Carriermarkt reguliert und die Regionen angeschlossen? Ich hätte jede einzelne Gemeinde ausgeschrieben und zunächst natürlich ein lokales Monopol bewilligt. Wer dort gräbt, ist für drei Jahre König. Aber es gewinnt der die Ausschreibung, der Endverbraucherpreise in der günstigsten Form garantieren kann. Das bedeutet nicht, dass die Konditionen, wie die Politik es wollte, überall gleich sind. Wir haben auch nicht überall die gleichen Mietpreise. Aber auf die Art und Weise hätte eine kleine innovative Firma mit Funkverbindung oder vielleicht einfach nur einem DSLAM eine Gemeinde erschließen können. Die Monopolfrist wäre übrigens ab Auftragserteilung gelaufen, nicht ab Fertigstellung. Was glauben Sie, wie schnell da Netze entstanden wären? Ach ja, und wenn es nach einem Jahr nicht steht, wird neu ausgeschrieben.

Das Kreuz mit der Politik

Kommen wir zur Lernfähigkeit der Politik: Wie erfolgreich war denn Laptop und Lederhose?

Von Bomhard: Da bin ich nicht so ganz der Richtige. Ich will auf keinen Fall „gscheidhaferln“ (ein Gscheidhaferl ist ein Klugschwätzer, Anm. d. Red.). Das mag ich nicht. Was ich sagen kann: von den Projekten, die mit Erlösen aus dem Verkauf des bayerischen Tafelsilbers finanziert wurden, sind mir nur solche bekannt, die nicht funktioniert haben. Aber Bayern ist heute ein IT-Schwergewicht, irgendwie muss es also doch etwas geholfen haben. Wozu ich mehr weiß, sind Edmund Stoibers Ankündigungen von einem freien Netzzugang für alle Bayern. Dass die Bayern durchaus schon im Internet waren, war offenbar unbekannt, genauso wie muc.de. Als Stoiber auch noch verkündet hat, alle Bayern sollen kostenlos ins Netz, wurden wir etwas nervös. Unsere Kunden haben natürlich gesagt, dann müssen wir der SpaceNet ja kein Geld mehr bezahlen. Der für Bayern Online zuständige Staatssekretär hat mir erklärt, ich müsse nur die Zähne zusammenbeißen. Wenn sich der Nebel gelichtet habe, werde es in Bayern viel mehr Aufmerksamkeit für Internet geben und viel mehr Kunden für uns. Denn wenn alle Bayern im Internet seien, ließen sich eine Menge Webserver verkaufen, um kommerzielle Plattformen anzubieten. Mit Stoiber hat mich das nicht versöhnt. Aber in der Regierung arbeiten gerade hinter den Kulissen ja auch gute Leute.

Der freie Zugang im Freistaat kam dann aber nicht.

Von Bomhard: Genau. Aus dem freien Zugang wurden ein paar Modems unter dem Bett eines Bürgernetzvertreters. Stoibers mächtige Server wurden das Projekt Bayern Online. Das hatte sich, wer sonst, die Fraunhofer Gesellschaft unter den Nagel gerissen hatte. Es gibt bei uns immer nur drei Kandidaten: es ist Fraunhofer oder Siemens oder die Telekom. Telekom ist in München als auswärtige Behörde schwierig, also bleiben nur Siemens und Fraunhofer. Wir wurden leider nie gefragt, obwohl wir damals gerade ein tolles Projekt hatten. Wir hatten nämlich für unseren Kunden Compuserve einen Internetzugangsdienst für jedermann vorbereitet. Es war alles fertig. Und was ist passiert? Compuserve wurde an AOL verkauft und AOL wollte die Leute natürlich auf ihre eigene Plattform holen. Vermutlich hat AOL Compuserve nur wegen der Kunden gekauft, die einen besseren Ruf hatten als die AOL-Kunden.

Die Inhaftierung von Felix Somm hatte damit nichts zu tun?

Von Bomhard: Das war ein Jahr später. Da standen wir alle mit einem Bein im Gefängnis, nicht nur Somm. In diesen Jahren wurde gegen mich ermittelt wegen der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Ich hatte nur Glück, dass bei mir Kinderpornografie nie erwähnt wurde. Aber wie Somm habe ich eben Leitungen betrieben und Serverfarmen. Man hat damals dann von mir verlangt die Route zum niederländischen Provider XS4all zu sperren. Ich habe argumentiert, dass XS4all nicht nur diese Bahnanlagen-Sabotier-Anleitung hatte, sondern tausende Kunden, die wir alle mit gesperrt hätten. Dann wollte man, dass wir den Nameserver-Eintrag umbiegen. Auch das war aus unserer Sicht kein geeignetes Mittel, weil sich in fünf Sekunden ein neuer Server aufsetzen lässt. Alles ziemlich sinnlos. Der Generalbundesanwalt hat gegen mich ermittelt und mein Urururgroßvater, der mal Justizminister war, hat sich wohl im Grab umgedreht. Zu gerne hätte ich den Generalbundesanwalt daher gezwungen, selbst die Hosen herunterzulassen. Ich wollte, dass er entweder ein ordentliches Verfahren gegen mich eröffnet oder dass er klar Abstand davon nimmt, uns mit seinen sogenannten Vorbescheiden zu erpressen.

Die Politik hat dazugelernt

Hat die Politik in Deutschland dazugelernt?

Von Bomhard: Ja. Die Politik hat schon mal gelernt, dass es hier etwas gibt, was man nicht ignorieren und vor allem nicht verbieten kann; dass man teilnehmen muss, um nicht abgehängt zu werden. Aber was hat man noch gelernt? Ich weiß immer noch nicht, was die Schlüsselpolitik in Deutschland ist. Ich bin ja paranoid genug, meinen selbst generierten TLS-Key zu verwenden. Damit schocke ich erst einmal viele Leute, weil ich damit als nicht vertrauenswürdig erscheine. Sobald ich es erklärt und sie meine CA eingetragen haben, bin ich wieder so was von vertrauenswürdig. Zu meinen Schlüsseln gibt es keine Zweitschlüssel. Übrigens frage ich mich schon seit geraumer Zeit, ob im Vergleich mit unseren Nachbarn relative Zurückhaltung der deutschen Politik bei Nachschlüssel-Forderungen auch an der Struktur unseres Schlüsselmarkts liegt. Nur jeder zehnte Schlüssel bei uns ist nicht vom ehemaligen Staatsunternehmen. Eine Marktöffnung wäre da doch eigentlich schön.

Alles für die innere Sicherheit?

Von Bomhard: Ja, und leider ist es ein schreckliches Naturgesetz, dass der Staat immer eher mehr will als weniger. Immer, wenn durch das Internet etwas einfacher wird, möchte der Staat das nutzen, um mehr Kontrolle auszuüben. Die Verpflichtung zur elektronischen Buchführung bedeutet auf einmal auch, das jeder eine Schnittstelle liefern muss, über die der Staat ganz bequem elektronisch alles auslesen kann. Ja, wo sammer denn? Die Neuland-Ausrede lasse ich nicht mehr gelten, auch wenn die Gesetzgebung immer ein wenig hinterherhechelt. Erschreckend ist aber, dass nicht mit Verstand und Weisheit und für die Zukunft reguliert wird. Auslöser für Gesetze sind fast immer Einzelfälle. Nehmen wir die Sache mit kurt-biedenkopf.de. Biedenkopf hatte sich aufgeregt, weil jemand die Domain registriert hatte. Ich habe ihm damals gesagt, er solle sich die Domain doch selbst holen. Das wollte er nicht. Er wollte vielmehr, dass wir dafür sorgen, dass niemand die Domain überhaupt registrieren kann. Seine Schlussfolgerung war, die Denic müsse an den Regulierer fallen, wenn sie nicht mal in der Lage sei, die einfachsten Dinge zu tun. Der sächsische Rechnungshof hat den Spuk dann beendet. Die andere Episode, an die ich mich lebhaft erinnere, ist die Aufforderung von Justizministerin Herta Däubler-Gemlin an die Denic, die Registrierung verbotener Begriffe künftig zu unterbinden. Ihr Beispiel war die soeben registrierte Domain „reichskriegsflagge.de“. Ich wollte, dass die Denic die Ministerin um eine Liste aller künftig verbotenen Wörter bittet. Leider hab ich mich mit dieser aus meiner Sicht sehr eleganten Lösung nicht durchgesetzt. All das zeigt, dass sich Macht und Provider erst aneinander gewöhnen mussten. Natürlich war das für den Staat nicht einfach. Aber er hat oft eine gnadenlose Arroganz an den Tag gelegt. Erst viel später gab es dann so etwas wie die Enquetekommission.

Das Internet wird unsicher

Sie waren Mitglied.

Von Bomhard: Nein, eingeladener Experte. Ich habe da für relativ viel Geld – denn obwohl das ehrenamtlich war, bekamen wir Tagessätze – ein Gutachten verfasst. Die Ergebnisse der für mich spannenden Enquete haben aber niemanden wirklich interessiert. Vielleicht sehe ich es zu extrem, aber man hat die Öffentlichkeit ferngehalten. Die Politiker oben haben es auch nicht gelesen. Wer liest auch schon 8000 Seiten Bundestagsdrucksache? Die einzigen, die Teile durchgearbeitet haben, sind, glaube ich, die persönlichen Referenten der Bundestagsabgeordneten. Ich habe eine ganze Menge über die Vorratsdatenspeicherung (VDS) für den Bundestag geschrieben, mit mäßigem Erfolg. Erfolgreicher war mein Artikel über ‘Zensursula’, in dem ich einfach darauf hingewiesen habe, wie unsicher die Internetwelt durch solchen Aktionismus wird. Frau von der Leyen hat das allerdings nicht eingesehen, bis zum Schluss.

Trotzdem sagen Sie, die Politik habe gelernt. Illustriert nicht gerade das sogenannte ‘Zensursula’-Gesetz eine ziemliche Beratungsresistenz? Was ist mit den Stapeln von VDS-Verfahren? Sie klagen seit 2016 gegen die VDS, gibt es da schon einen Verkündungstermin?

Von Bomhard: Noch nicht. Aber gerade gibt es wieder Bewegung. Wir wissen nur nicht, in welche Richtung. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in dem Verfahren so erklärt, dass ich eigentlich schon den Champagner kalt stellen wollte. Nur eine Teilfrage haben sie noch dem EUGH vorgelegt, und zwar, ob man im Spezialfall eine Bevorratung anordnen kann. Da sind wir schon weit weg von der Technik der Vorratsdaten. Denn im Spezialfall kann man viel anordnen und im Spezialfall sind wir zu vielem bereit, immer gesetzt das ist legitimiert. Wir wollen gar nicht die Räuber den Gendarmen entziehen. Aber dieses ganze Gesetz ist so durchfaschiert worden, dass es zahnlos, wirkungslos, und gleichzeitig wahnsinnig teuer in der Umsetzung ist. Wenn ich nur Einwahldaten speichern soll, aber nur so lange und dann praktisch die Festplatten zerstören, sieht man, dass da jemand ultrapolitisch unterwegs war. Also, wir dürfen nicht speichern, aber wir setzen das Gesetz nun trotzdem noch irgendwie durch. Die Vorschriften für die Umsetzung durch die Provider sind geradezu ein Scherz gewesen, Tresorraum, dedizierte Servern, usw. Damit wäre ein Wahnsinnsgeld verbrannt worden. Das war nie mein Hauptargument, hat aber am meisten Öffentlichkeit bekommen. Denen, die sagen, die Provider wollen halt kein Geld ausgeben, erkläre ich gern, dass es ihr Geld ist, das wir ausgeben. Wir haben die Kosten, da schlagen wir unsere Marge drauf, fertig ist das Produkt.

Vorratsdatenspeicherung als Büchse der Pandora

Was ist das eigentliche Gegenargument?

Von Bomhard: Also wenn schon VDS, dann möchte ich doch bitte erheblich mehr. Dann möchte ich die Inhalte gleich speichern. Dann möchte ich den Mitschnitt und die unbegrenzte Speicherung aller Kamerabilder. Denn dann habe ich endlich wirklich etwas in der Hand. Wenn ich schon dabei bin, könnte ich auch jedem Bürger einen RFID-Chip verpassen. Warum machen wir das eigentlich nicht? Wir verzichten auf ein gutes Werkzeug, um Verbrechen zu bekämpfen.

Auf der schiefen Bahn zum Überwachungsstaat.

Von Bomhard: Nicht alle Leute verstehen Satire. Kurz gesagt, das ist die Büchse der Pandora, selbst wenn ich ein so lächerliches Datum wie das Einwahldatum mit der zugehörigen IP speichere. Sinnlos.

Kann der deutsche Gesetzgeber durch Sonderspeziallösungen vorangegangene EUGH-Urteile wirklich noch übergehen?

Von Bomhard: Das ist genau der Trick und das ist es, was ich der deutschen Politik so ankreide. Sie ist manchmal nur durch Machtpolitik und den Willen, etwas durchzusetzen, getrieben. Die haben gelesen, was der EUGH geschrieben hat und die haben gelesen, was das Verfassungsgericht geurteilt hat. Und dann ist dieser Blödsinn herausgekommen, der im Ernstfall nicht nur nichts nützt, sondern wegen der extremen Löschpflichten sogar schaden kann. Es gab mal eine Abrede zwischen Providern und Polizei, dass wir sie unterstützen, wenn es um Kindesmissbrauch geht. Wenn das Gesetz morgen in Kraft tritt, ist es damit aus. Das Ganze ist eine Kopfgeburt und ein mittlerweile verstorbener CSU-Abgeordneten hat mal eingeräumt: Natürlich ist das Gesetz Quatsch, aber es ist dem Bürger nicht zu vermitteln, dass wir jetzt einknicken, das ziehen wir jetzt durch.

De-Platforming und Trumpismus

Sprechen wir kurz über den jüngsten Aufreger. Zeigt die Affäre des Trump-De-Platforming, dass Politiker sensibler darauf reagieren, wenn verordnete Sperrungen sie selbst treffen?

Von Bomhard: Natürlich. Sie wollten ja nur die Stammtischgröler mundtot machen. Jetzt erleben sie, dass gleiches Recht für alle gilt, und wenn die allerschlimmsten ihrer eigenen Kaste unterwegs sind, dann trifft es halt auch mal ihre Kaste.

Müssen die großen Plattformen reguliert werden, mit dem NetzDG?

Von Bomhard: Es müssten viele Weichen gestellt werden. Das Netz berechtigt einen nicht, Dinge zu tun, die man ohne Netz auch nicht dürfte. Wenn ich jemanden beleidige, muss ich damit rechnen, dass sich der Beleidigte wehrt. Man müsste erreichen, dass jeder eindeutig zu erkennen ist im Netz. Politiker, die da sofort mit ihrer Klarnamenpflicht kommen, sind für mich der Brüller schlechthin. Ich meine vielmehr, wir sollten die Eintragung von Pseudonymen im Personalausweis erlauben. Man könnte also Herr Biedermann oder Zwerginator heißen. Die Pseudonyme wären hinterlegt, würden aber nicht auf dem Ausweis erscheinen. Wenn ich mich auf einem Forum unter Pseudonym danebenbenehme, findet man mich. Denn Zwerginator ist eine ladungsfähige Adresse. Auch im Netz gelten Regeln des Anstands. Vielleicht muss man etwas mehr aushalten. Übrigens ist auch nicht neu, was gesagt wird. Ich denke mal, hätten die Politiker alle Stammtische verwanzt, wären sie später nie auf die Idee gekommen, sich über das Netz aufzuregen.

Wer sollte denn nun verantwortlich sein dafür, Trump zur Ordnung zu rufen?

Von Bomhard: Die Kultusministerkonferenz. Die müsste sagen, wenn schon die alten Generationen verloren sind, müssen wenigstens die Jungen genug Medienkompetenz haben, um zu wissen, das ist ein alter Mann, der blöde Sprüche absondert. Was mache ich denn mit dem, der mir in der Fußgängerzone entgegen torkelt und schreit, die Juden sind unser Unglück? Gar nichts. Ich höre dem nicht mal zu. Ich weiß doch gleich, das ist ein Depp. Trump war ein sehr mächtiger Depp, aber dem kann man nur mit Medienkompetenz beikommen. Zudem ist nicht „realtrump“ das Problem, sondern die „nichtrealtrumps“, die ja noch viel dümmere Sachen geschrieben haben und sich niemals dafür verantworten müssen. Die oft nur Accounts anlegen, um sich aufzuführen, dann sofort gesperrt werden und wieder einen neuen Account aufmachen. Das ist eine Hydra. Bei der Hydra Köpfe abschlagen, hat ja noch nie funktioniert. Die wachsen nicht nur nach, schlimmer, es wachsen gleich zwei. Also all diese Maßnahmen zur Filterung und Sperrung nützen doch nichts. Vielmehr braucht man eine Gegenkampagne, die sagt, schaut Euch diesen Deppen an und wählt ihn halt nicht, und es war knapp, aber es hat doch funktioniert. Da brauch ich niemanden sperren. Natürlich ist es schwierig, wenn Trump mit konstanter Bosheit die Unwahrheit sagt. Wird es besser, wenn ich ihn sperre? Nein, ich schaffe bloß einen Märtyrer. Er hat aufgedeckt, dass die Wahl gefälscht war, und jetzt bekommt er einen Maulkorb verpasst, damit er diese Wahrheit nicht mehr äußern darf. Es muss dringend etwas geschehen, also wir erobern jetzt das Weiße Haus. Es nutzt überhaupt nichts, dem Trump das Rederecht wegzunehmen.

“Das NetzDG ist ja der Oberwitz”

Also kein NetzDG?

Von Bomhard: Das NetzDG ist ja der Oberwitz. Erstens haben viele es missverstanden und sprechen vom Netzdurchsuchungsgesetz. Aber wenn man sich das Netzwerkdurchsetzungsgesetz mal auf der Zunge zergehen lässt, ist das auch eine wunderbare Sache. Es soll ja nicht das Netz durchgesetzt werden, sondern etwas im Netz. Aber was denn nun, Recht und Ordnung ja wohl nicht. Statt Recht durchzusetzen, wird ja nur ausgeblendet und übertüncht. Wenn wir durchsetzen wollen, dürfen eben nur registrierte Nutzer sich äußern. Die Impressumspflicht hat schon einen Sinn. Wie sinnlos das Übertünchen ist, zeigt die alte Auseinandersetzung um die Inhalte des Holocaust-Leugners Zündel. Den sollten deutsche Provider sperren, nachdem er mit seinem Zeug auf kanadische Server ausgewichen war. Wir haben das gemacht, nur um zu zeigen, wie sinnlos das war. Das Holocaust-Center in Washington hat übrigens die interessanteste Antwort auf die deutschen Maßnahmen gehabt. Die haben die Zündel-Server gespiegelt mit dem Argument, jetzt geht es schon wieder los in Deutschland mit der Zensur.

(tiw)

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