China: Konfuzius-Institute zeugen von der Soft Power des Landes

Konfuzius-Institute sind das sichtbarste Zeichen von Chinas kulturdiplomatischer Strategie. Ein Blick in die Daten zeigt: Konfuzius-Institute wachsen auf allen Kontinenten ausser Nordamerika. Insbesondere in Entwicklungsländern Südamerikas, Asiens und Afrikas sind sie willkommen.

Konfuzius-Institute sind das sichtbarste Zeichen von Chinas kulturdiplomatischer Strategie. Ein Blick in die Daten zeigt: Konfuzius-Institute wachsen auf allen Kontinenten ausser Nordamerika. Insbesondere in Entwicklungsländern Südamerikas, Asiens und Afrikas sind sie willkommen.

Der Eindruck, dass Chinas Konfuzius-Institute weltweit von den Universitäten verschwinden, täuscht. Auf dem afrikanischen Kontinent zum Beispiel wachsen sie sowie auch in Südamerika und Asien.

Lorenzo Cicconi Massi / Contrasto / Laif

Seit diesem Herbstsemester ist das Konfuzius-Institut der Universität Basel Geschichte. Der ehemalige Präsident des Trägervereins des Instituts an der Universität Basel, Hans Roth, wollte eine Brücke sein zwischen China und der Schweiz, das gegenseitige Verständnis fördern. Doch heute sieht Roth den Ansatz der Konfuzius-Institute als verpasste Chance. China habe sich zu stark auf die eigenen Sichtweisen und Interessen konzentriert und dabei den Aussenblick vernachlässigt, sagt Roth im Gespräch. «Dazu hätte gehört, dass man beispielsweise über den Philosophen Konfuzius gesprochen hätte und die Frage zugelassen hätte, warum dieser Übervater plötzlich wieder aus der Schublade geholt wurde, nachdem er Jahrzehnte im eigenen Land offiziell totgeschwiegen worden war.»

Konfuzius-Institute gibt es seit 2004. Als Vorbild dienten die Sprach- und Kulturinstitute anderer Länder, wie die Alliance Française, der British Council oder das Goethe-Institut aus Deutschland. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Konfuzius-Institute sind in ihren Gastländern innerhalb von Universitäten angesiedelt und werden direkt vom chinesischen Staat bezahlt. Sie gehören dem Büro zur weltweiten Förderung der chinesischen Sprache (kurz: Hanban) an, das dem chinesischen Bildungsministerium unterstellt ist.

Im Vertrag zwischen den Konfuzius-Instituten und ihren Gastuniversitäten steht, dass Aktivitäten der Institute nicht gegen Gesetze und Regulierungen der Volksrepublik China verstossen dürfen. Das bedeutet beispielsweise, dass über die Unabhängigkeit Taiwans nicht diskutiert werden darf – denn das ist unter dem chinesischen Anti-Sezessionsgesetz strafbar.

Das stellt Universitäten in demokratischen Ländern, wo die Meinungs- und die akademische Freiheit hochgehalten werden, vor ein Problem: Wenn sie unter ihrem Dach ein Konfuzius-Institut akzeptieren, geben sie einer Institution Legitimität, welche die Werte des kommunistischen Einparteistaats propagiert. Die Universität Zürich entschied sich 2016 gegen die Gründung eines Konfuzius-Instituts, wegen Bedenken, dass dadurch die akademische Unabhängigkeit gefährdet sein könnte.

Mit den Konfuzius-Instituten will China seine Sprache und seine Kultur im besten Licht darstellen. Sie sind das sichtbarste Element von Pekings Kulturdiplomatie. China will nicht bloss als Militär- und Wirtschaftsmacht gesehen werden, sondern auch die Herzen und Köpfe der Menschen weltweit gewinnen.

Chinas Einfluss wächst vor allem in Entwicklungsländern

Anzahl Konfuzius-Institute und -Klassenzimmer pro Kontinent in den Jahren 2018 und 2020

Konfuzius-Institute schliessen im Westen, weltweit nehmen sie zu

Diese Charmeoffensive ist ins Stocken geraten: Bis 2020 wollte Peking 1000 Konfuzius-Institute auf der ganzen Welt errichten. Doch bis jetzt sind es nur etwas über die Hälfte, laut Zahlen von Hanban. Die Kritik der politischen Einflussnahme Chinas an den Universitäten wächst. In Nordamerika wurden in den vergangenen zwei Jahren fast ein Viertel aller Konfuzius-Institute geschlossen, nachdem mehrere Berichte sie der Propaganda und Spionage-Aktivitäten bezichtigt hatten. Konkrete Beweise fehlen aber in den meisten Fällen.

Im August dieses Jahres klassifizierte das amerikanische Aussenministerium die Konfuzius-Institute als «ausländische Missionen». Noch heftiger fällt die Kritik gegen Konfuzius-Klassenzimmer an den Primar- und Sekundarschulen aus: Sie impften den jüngeren Schülern chinesische Staatspropaganda ein, lautet der Vorwurf. Diese Ableger von Konfuzius-Instituten an den Schulen sind in den vergangenen zwei Jahren um 90 Prozent geschrumpft, und zwar weltweit.

Doch nicht überall läuft es schlecht für Peking. Denn ausser in Nordamerika hat die Zahl der Konfuzius-Institute an den Universitäten auf allen Kontinenten zugenommen. In Südamerika, Asien und Afrika wuchsen sie in den vergangenen zwei Jahren um 13 bis 15 Prozent. Die Konfuzius-Institute haben ihren Schwerpunkt also von Nordamerika wegverschoben auf den Rest der Welt.

In Europa wurde zwar neben demjenigen in Basel jüngst auch das Konfuzius-Institut an der belgischen Vrije Universität in Brüssel geschlossen. Schweden hat im Mai mit der Schliessung des Konfuzius-Instituts an der Technischen Universität in Lulea seine letzte Verbindung mit Hanban gekappt. Auch in Deutschland, Dänemark, den Niederlanden und Frankreich haben Universitäten ihre Zusammenarbeit mit Hanban gekündigt. Doch insgesamt gibt es in Europa 15 Institute mehr als noch vor zwei Jahren. Neu eröffnet wurden die Institute in Ländern, die China im Rahmen seiner Osteuropastrategie umwirbt, wie Griechenland, Polen und Ungarn. Aber auch in Weissrussland und Russland wurden insgesamt fünf neue Institute eröffnet sowie je eines in Frankreich und Portugal.

Chinas attraktivstes Soft-Power-Argument: Geld

Auch haben die Institute nicht überall einen so schlechten Ruf wie im Westen. In Thailand zum Beispiel, dem Land mit den meisten Konfuzius-Instituten in Asien, würden die Institute überwiegend positiv gesehen, sagt Daniele Carminati, der an der City University of Hong Kong zu Chinas Soft-Power-Strategie in Thailand forscht. Carminati sagt, Chinas Soft-Power-Attraktivität überzeuge vor allem mit einem Faktor: Geld.

Hanban trägt mindestens die Hälfte der Kosten eines Konfuzius-Instituts, stellt die Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung wie auch die Lehrmittel. Die Gastuniversität muss oft nur die Räumlichkeiten zum Gebrauch überlassen. In Anbetracht dessen, dass an den Konfuzius-Instituten eine immer wichtiger werdende Sprache gelehrt wird und Peking grosszügig Stipendien vergibt für Studienaufenthalte in China, seien viele Universitäten für diese Kooperation offen. «Die Nachfrage nach Konfuzius-Instituten ist insbesondere in Entwicklungsländern gross», sagt Carminati. Auch für Universitäten in Ländern wie Australien, die immer mehr privatwirtschaftlich funktionieren und auf Gelder von internationalen Studierenden angewiesen sind, ist das Angebot Hanbans von «billigem» Chinesischunterricht verlockend.

Das finanzielle Argument überzeugt auch in Ländern Europas, wie in Deutschland. Der Direktor des Konfuzius-Instituts der Universität Trier Marc Rieger sagt: «Es macht Spass, attraktive Veranstaltungen zu organisieren. Das Institut bietet dafür Möglichkeiten, die eine deutsche Universität sonst nicht hat.» Solange das Institut die Universitäten nicht direkt, zum Beispiel durch neue Lehrstühle, finanziere, sondern bloss öffentliche Veranstaltungen anbiete, sieht Rieger keine Gefahr für die akademische Freiheit. Rieger führt auch kritische Vortragsreihen durch, wie jüngst zum chinesischen Patriotismus in Zeiten von Covid-19.

Aber die Konfuzius-Institute seien halt das sichtbare Ende von China in Deutschland, sagt Rieger. Chinas Politik in Xinjiang, Hongkong und der allgemeine Freiheitsverlust hätten China in Deutschland viel Gegenwind eingebracht.

Im Juli verkündete die Universität Hamburg, ihre Zusammenarbeit mit dem Konfuzius-Institut zu kündigen. Als Grund nannte die Universität die veränderte Wissenschaftspolitik Chinas. Seither gibt es auch an anderen Universitäten Diskussionen über die Konfuzius-Institute. Ein Institutsdirektor, der nicht genannt werden möchte, sieht dahinter vor allem Reputationssorgen der Universitäten: «Es ist schade, aber in letzter Zeit sagen manche Kollegen, das Leben wäre leichter ohne das Konfuzius-Institut.»

Schadet sich China selber?

Das Problem der Konfuzius-Institute ist, dass hinter der kulturpolitischen Soft-Power-Initiative die harte Hand des chinesischen Staates allzu sichtbar ist. Vor allem in Ländern, wo die chinesische Regierung kritisch gesehen wird, weckt das Misstrauen. «Erst wenn China seine Zivilgesellschaft freier walten lässt, wird sich das enorme Soft-Power-Potenzial Chinas entfalten», argumentiert Christopher Hughes, Professor für internationale Beziehungen an der London School of Economics in einem wissenschaftlichen Artikel zu Konfuzius-Instituten an Universitäten in demokratischen Gesellschaften.

Hanban beteuert, die Mission der Konfuzius-Institute sei einzig, weltweit die chinesische Sprache und Kultur zu unterrichten und damit das gegenseitige Verständnis in der Beziehung mit anderen Ländern zu fördern. Doch das dem Hanban übergeordnete Bildungsministerium hat die Ziele klar definiert: Konfuzius-Institute sollen Chinas globalen Aufstieg unterstützen. Kultur wird für dieses Ziel instrumentalisiert.

Immerhin scheint die politische Führung erkannt zu haben, dass diese enge Verknüpfung von Machtpolitik und Kultur der erwünschten Soft Power durch die Konfuzius-Institute schadet. Im Juli berichtet die chinesische Zeitung «Global Times», die Konfuzius-Institute würden fortan einer regierungsunabhängigen Stiftung unterstellt, die ihrerseits von Universitäten und weiteren Organisationen geleitet werde.

Auf den ersten Blick orientiert sich China damit am Modell der westlichen Sprach- und Kulturinstitute, die eine grosse Unabhängigkeit von den jeweiligen Regierungen haben. Doch im chinesischen Kontext ändert sich dadurch kaum etwas. Die staatlichen Universitäten unterstehen ihrerseits wiederum dem Bildungsministerium. Auf Anfrage teilt das Bildungsministerium jedenfalls mit, dass Hanban weiterhin für die Konfuzius-Institute zuständig sei. Hanban seinerseits reagierte nicht auf mehrfache Anfragen der NZZ.

Vermehrt Entwicklungsländer im Fokus

Angesichts des starken Gegenwinds sei es naheliegend, dass China seine Soft-Power-Strategie weg von westlichen Ländern vermehrt auf Entwicklungsländer fokussiere, sagt der Asien-Wissenschafter Carminati. Ein Beispiel ist Südafrika, das mit sechs Konfuzius-Instituten am meisten hat auf dem Kontinent. Diese Länder würden immer wichtiger. China erfahre zwar auch dort Widerstand, aber deutlich weniger. «China konzentriert sich auf die Länder, die Chancen bieten.»

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