Wirecard: Die Chronik eines Wirtschaftsskandals

Wie ein fünfjähriger Krieg zwischen der Zeitung «Financial Times» und Deutschlands hochgejubeltem Fintech-Unternehmen Wirecard mit der Aufdeckung eines Milliardenbetrugs endete.

Wie ein fünfjähriger Krieg zwischen der Zeitung «Financial Times» und Deutschlands hochgejubeltem Fintech-Unternehmen Wirecard mit der Aufdeckung eines Milliardenbetrugs endete.

Der unscheinbare Hauptsitz von Wirecard in Aschheim bei München.

Philipp Guelland / EPA

Marsalek? Kein geläufiger Name in der Schweiz und auch kein bekanntes Gesicht, obwohl es in Deutschland seit einem halben Jahr auf zahllosen Fahndungsplakaten an Strassen, Bahnhöfen und Flughäfen prangt, mit und ohne Bart. Jan Marsalek, ein führender Kopf des Unternehmens Wirecard, wird rund um die Welt von Interpol gesucht – wegen «Betrugs in Milliardenhöhe». Der Mann, der zwar keinen Fahrausweis haben soll, aber sechs Reisepässe, ist am Abend des 18. Juni 2020 untergetaucht. Seither wird gerätselt, ob er sich aus München mit einem Privatjet nach Weissrussland abgesetzt hat, ob er mittlerweile in Obhut eines der russischen Geheimdienste ist oder sich doch auf den Philippinen versteckt – niemand weiss es.

Die Geschichte von Wirecard ist eine ziemlich einzigartige Skandalchronik in Europas jüngerer Wirtschaftsgeschichte, auch eine Chronik des Versagens und der Peinlichkeiten. Für die Öffentlichkeit beginnt sie am 27. April 2015. An jenem Montag schreibt Dan McCrum, ein damals 37-jähriger Reporter der «Financial Times» («FT») in London, seinen ersten von insgesamt fünfzehn Artikeln, die er unter dem Titel «The House of Wirecard» publizieren wird. Der Artikel beginnt so: «Wirecard ist ein wenig bekanntes deutsches Technologieunternehmen mit einem Aktienwert von 5 Mrd. € – und zugleich ein Rätsel. Es bietet Zahlungsdienste an, besitzt eine Münchner Bank und tätigt Millionen von Online-Kreditkartenzahlungen hinter den Kulissen auf bekannten Websites.»

Natürlich hat der «FT»-Reporter damals noch keine Ahnung, was er noch alles lostreten und wie sich das Rätsel fünf Jahre später auflösen wird. Es kommt nämlich zu einem fünfjährigen Krieg zwischen dem britischen Weltblatt der Wirtschaftselite und Deutschlands führendem Fintech-Unternehmen, der im Juni 2020 mit einem krachenden Konkurs endet. Das Unternehmen Wirecard, das zeitweilig an der Börse mehr wert war als die Deutsche Bank, liegt in Trümmern. Markus Braun, der Vorstandsvorsitzende, ist in U-Haft, der operative Chef Jan Marsalek auf der Flucht. Der Schaden für die kreditgebenden Banken und Investoren liegt bei mindestens 3,2 Mrd. €, beim Insolvenzverwalter stapeln sich Forderungen von mehr als 12 Mrd. €.

Der «FT»-Reporter wird verfolgt

Zwischendurch sei er nahe am Durchdrehen gewesen, sagte Dan McCrum in einer launigen Rückschau, die er im September 2020 in der «FT» über seine Wirecard-Recherchen publizierte. «Man wird paranoid, wenn man dauernd glaubt, dass man verfolgt wird und die eigenen Mails gehackt werden.» Erst recht nervös wurde der Reporter, nachdem die deutsche Finanzaufsicht Bafin im April 2019 ein Strafverfahren eingeleitet hatte – aber nicht gegen Wirecard, sondern gegen ihn und Stefania Palma, eine an der Recherche beteiligte Korrespondentin der «FT». McCrum war schon so weit, dass er in der U-Bahn ein- und gleich wieder ausstieg, weil er sich verfolgt fühlte, und sich schliesslich in einen fensterlosen Raum ausserhalb der Redaktion verzog, wo er mit einem sogenannten Air-Gap-Computer arbeitete, der ihn vor Zugriffen der digitalen Aussenwelt schützen sollte.

Grundlos war die «Paranoia» nicht. Denn wie sich herausstellen sollte, stand auf der anderen Seite Jan Marsalek, der offenbar ein Heer von Anwälten, PR-Leuten, Privatdetektiven und Hackern dirigierte, um die «Financial Times» endlich zum Schweigen zu bringen. Begegnet sind sich Marsalek und McCrum in diesen fünf Jahren nie. Es blieb nur bei vielen unbeantworteten Fragen des Reporters, und die wichtigsten beiden waren immer: Stimmen die Zahlen? Und wo ist all das Geld, wenn Wirecard so erfolgreich ist, wie die Firma immer behauptet?

Auch mit Markus Braun, dem Wirecard-Chef, konnte der «FT»-Journalist nur ein einziges Mal am Telefon sprechen, bevor die Firmenanwälte die Kommunikation übernahmen. «Sind Sie ein Betrüger?», habe er ihn unüblich direkt gefragt. «Brauns Antwort war merkwürdig. Er war regelrecht gelangweilt, als ob er das ständig gefragt würde. Er meinte, dass Wirecard eben viele Neider habe und nicht verstanden werde», erzählte McCrum kürzlich dem «Spiegel».

Die Fahndung nach Jan Marsalek läuft seit einem halben Jahr, hier im August 2020 in Köln.

Sascha Steinbach / EPA

Der «präpotente Zampano»

Doch wer sind überhaupt diese beiden führenden Köpfe von Wirecard? Der Jan sei «ein präpotenter Zampano», erklärt kurz und bündig seine Mutter, die nach Marsaleks Flucht vom «Spiegel» in Wien aufgestöbert worden ist. Ihr heute 40-jähriger Sohn sei zwar intelligent und habe schon am Gymnasium ein grosses Flair für Computer gehabt, doch kurz vor der Matura habe er das Gymnasium geschmissen und sei im Krach von zu Hause ausgezogen. Das letzte Mal habe sie ihn im Jahr 2010 bei ihrem Scheidungstermin gesehen und seither nur noch in den Medien, wobei sie sich immer gewundert habe, wie ihr «präpotenter Zampano» ohne Matura eine derartige Karriere habe machen können.

Mit 20, im Jahr 2000, zieht Jan Marsalek von Wien nach München und heuert als Tech-Talent bei einem kurz zuvor gegründeten Unternehmen an: Wirecard. Die Geschäfte des digitalen Zahlungsabwicklers laufen allerdings eher schlecht, weshalb ein anderer Wiener in München als Sanierer zu Wirecard geschickt wird: Markus Braun, Jahrgang 1969, studierter Wirtschaftsinformatiker und damals noch Unternehmensberater bei KPMG. Braun bleibt gleich dort, wird 2002 Vorstandsvorsitzender und führt Wirecard 2005 an die Börse. Schon früh an seiner Seite: der elf Jahre jüngere Marsalek.

Im Jahr ihres Börseneintritts ist Wirecard noch eine Firma mit 323 Mitarbeitern, ihr Geschäftsmodell besteht vor allem in der Abwicklung von Online-Bezahlung für Glücksspiele und Pornografie. Doch die beiden Österreicher wollen höher hinaus, viel höher. 2010 setzt Braun Jan Marsalek als operativen Chef von Wirecard ein, und ab dann baut das Duo vom Münchner Vorort Aschheim aus ein im doppelten Wortsinn riesiges Kartenhaus mit Aussenstationen in Dublin und Dubai auf. Marsalek wird Chef des gesamten Asiengeschäfts und kauft zwischen 2010 und 2014 mit rund 0,5 Mrd. € – dem Geld ihrer vielen neuen Aktionäre – eine Reihe von Zahlungsdienstleistern vor allem in Singapur und den Philippinen auf. Dan McCrum beschreibt die Firmen in der «FT» zwar als «obskur», doch die Anleger lassen sich ihre Begeisterung nicht nehmen. Der ausgewiesene Umsatz wie der Gewinn wachsen Jahr für Jahr kräftig, Deutschland sieht in Wirecard endlich einen digitalen Champion heranwachsen, der es mit dem Silicon Valley aufnehmen kann. Allein zwischen 2010 und 2016 steigt der Börsenwert von Wirecard um das Fünffache.

Dan McCrum, Journalist der «Financial Times», hier in Berlin, wo er im November 2020 vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages Auskunft über Wirecard gibt.

Kay Nietfeld / DPA

Die Kreditkarte aus Gold

Während Markus Braun gerne auf Podien über die digitale Zukunft philosophiert und Politiker wie den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz in Sachen IT berät, hält sich Jan Marsalek von der Öffentlichkeit lieber fern. Selbst an den Bilanzpräsentationen von Wirecard lässt er sich kaum blicken. Er bevorzugt andere Bühnen, zum Beispiel den Münchner Nachtklub P1, wo er gelegentlich mit einer goldenen Kreditkarte bezahlt – nicht aus Plastik, sondern aus Gold. Marsalek habe im «Tantris», dem teuersten Restaurant der Stadt, an einem einzigen Abend Tausende von Euro nur für Champagner ausgegeben. Oder 20 000 € in bar als Anzahlung für einen Pelzmantel. Auf offiziellen Fotos ist er jedoch nur in ewiggleichen dunkelblauen Businessanzügen zu sehen, Bilder seines extravaganten Privatlebens kursieren hingegen kaum, abgesehen von solchen eines Palais an der Münchner Prinzregentenstrasse 61, wo früher einmal eine Schweizer Bank einquartiert war und er seit 2016 für eine Jahresmiete von 680 000 Euro residiert.

Aber das alles ist ohnehin nicht das, was Dan McCrum interessiert. Im Februar 2016 berichtet er in der «FT» über einen vernichtenden 100-seitigen Report, die «Zatarra Papers» von zwei Profi-Investoren, die Wirecard unter anderem Betrug und Geldwäscherei vorwerfen. Daraufhin knickt der Aktienkurs kurzerhand um 30% ein.

Der Mann fürs Grobe wird aktiv

Kein Wunder, wird nun Jan Marsalek aktiv, der Mann fürs Grobe. In London lässt er überall das Gerücht streuen, dass der «FT»-Reporter McCrum gemeinsame Sache mit sogenannten Leerverkäufern mache, die auf einen fallenden Kurs der Wirecard-Aktie setzten. Ein erster Höhepunkt der Verleumdung ist im Dezember 2016 erreicht, als Screenshots von vertraulichen E-Mails zwischen McCrum und einem Wirtschaftsdetektiv im Netz auftauchen – echte Mails. In Panik wechselt der Reporter all seine Passwörter, zumal auch noch ein angeblicher Whistleblower in Erscheinung tritt. In seiner Rückschau berichtet McCrum, was er später darüber herausgefunden hat: «Die Leute von Wirecard – unterstützt von indischen Hackern – erfanden einen Whistleblower, der gehackte Korrespondenz zwischen Hedge-Funds und heimlich aufgenommene Überwachungsfotos aus den Privathäusern von Investoren präsentierte – zusammen mit meinen E-Mails. Das Ganze wurde von der aberwitzigen Theorie begleitet, ein paar Händler in London hätten sich mit korrupten Journalisten gegen ein unschuldiges Technologieunternehmen aus Deutschland verschworen.»

Kurz, Marsalek unternimmt alles, um den lästigen Kritiker McCrum zu diskreditieren. Und es zeigt Wirkung. Der Reporter gerät in seiner eigenen Zeitung unter Druck, die Medienanwälte von Wirecard bedrängen den «FT»-Chefredaktor Lionel Barber, seinen Reporter McCrum wegen Bestechlichkeit zu entlassen. Vergeblich. Das renommierte Finanzblatt steht mit seiner scharfen Kritik allerdings ziemlich allein da. Die deutschen Investoren und Medien halten zu ihrem Börsenliebling, dessen Aktienkurs sich seit 2010 verfünffacht hat. Sie bleiben nicht zuletzt deshalb ruhig, weil die Revisionsgesellschaft EY ab 2010 Jahr für Jahr versichert, dass mit den Büchern von Wirecard alles in bester Ordnung sei. So wird 2017 ein weiteres grandioses Börsenjahr für das Unternehmen, und Markus Braun schwärmt vor, es werde noch viel besser kommen.

Wäre da bloss nicht die «Financial Times». Ein einziges Mal kreuzt Jan Marsalek persönlich für ein Gespräch mit der Zeitung in London auf. Im Februar 2018 trifft er Dan McCrums Vorgesetzten Paul Murphy, den Chef der Investigativabteilung der «FT». Murphy hat kurz zuvor einen Mittelsmann getroffen, der ihn bei einem Mittagessen mit der folgenden Bemerkung überraschte: «Die werden Ihnen gutes Geld zahlen, wenn Sie aufhören, über sie zu schreiben.» Murphy wischte die Bemerkung mit einem Lächeln beiseite, doch der Mittelsmann insistierte: «Nein, wirklich, die zahlen Ihnen 10 Mio. $.»

Am 16. Februar 2018 sitzt also Paul Murphy in einem teuren Steak-Restaurant an Londons Park Lane mit Marsalek am Tisch. Der «FT»-Mann ist mit einem versteckten Mikrofon ausgerüstet, während am Nebentisch zwei weitere «FT»-Journalistinnen das Treffen filmen, ebenfalls heimlich, um einen allfälligen Bestechungsversuch von Marsalek zu dokumentieren, wie Dan McCrum rückblickend in aller Offenheit schildert. Marsalek behauptet erneut, die «FT» stecke mit Spekulanten unter einer Decke, und er räumt indirekt sogar ein, dass McCrum beschattet werde. Doch er ist zu vorsichtig und zu schlau, als dass er die Zeitung plump mit 10 Mio. $ bestechen würde.

Das Doppelleben des Jan Marsalek

Erst nach seiner Flucht im Juni 2020 entdecken die «FT» und weitere Medien noch ein anderes Leben des Jan Marsalek. Sein Doppelleben in den Schattenreichen der Geheimdienste.

Noch ist nicht klar, wie er dazu gekommen ist, aber Marsalek scheint gute Kontakte zum österreichischen Nachrichtendienst und vor allem zum russischen Militärgeheimdienst gehabt zu haben. Mehr als 60-mal war er seit 2010 in Russland, meist mit einem Business-Jet und nur für Tage oder gar Stunden. Im Juni 2017 prahlt er gegenüber einem österreichischen Unternehmensberater in der Münchner «Käfer-Schenke», er sei als Gast des russischen Militärs in der legendären syrischen Wüstenstadt Palmyra gewesen, kurz nachdem sie vom IS befreit worden sei. Im Sommer 2018 legt Marsalek zwei Wertschriftenhändlern in London stolz geheime Dokumente auf den Tisch, die unter anderem die präzise Formel von Nowitschok enthalten, jenem tödlichen Nervengift, mit dem der russische Geheimdienst zum Beispiel den Überläufer Sergei Skripal in London oder später den Oppositionspolitiker Alexei Nawalny umzubringen versuchte. Marsalek habe sich mit diesen Unterlagen bei den Händlern «einschmeicheln» wollen, schreibt die «FT».

Ganz besonders interessiert er sich für Libyen. Mit den Söhnen des toten Diktators Ghadhafi feiert Marsalek im Münchner Nachtklub P1 (und begleicht dort die Rechnung mit seiner goldenen Karte), er möchte in drei Zementwerke in Libyen investieren, und vor allem will er eine Söldnertruppe von 15 000 Mann aufbauen, angeblich um das Land zu stabilisieren, das seit Jahren im Bürgerkrieg steckt. Doch die libysche Söldnertruppe bleibt ebenso Fiktion wie viele Asiengeschäfte von Wirecard, die, wie sich bald herausstellen soll, nur in Excel-Tabellen existieren.

Noch geht es weiter steil nach oben. Im August 2018 schafft Wirecard an der Börse ein Allzeithoch und ist nun 24 Mrd. € wert – 10 Mrd. mehr als die seit Jahren dümpelnde Deutsche Bank. Offiziell hat das Unternehmen 5000 Angestellte und wickelt das Kartengeschäft von weltweit angeblich 250 000 Händlern ab, als es im September 2018 in den edlen Kreis des DAX, des Indexes mit den 30 grössten börsenkotierten Unternehmen Deutschlands, aufgenommen wird. Markus Braun, dem 7% der Aktien gehören, ist Milliardär geworden. Seit Marsalek im Jahr 2010 operativer Chef wurde, ist der Wert der Aktie um das 21-Fache gestiegen.

Der Whistleblower im Kartenhaus

Doch mittlerweile brodelt es im Innern des grossen Kartenhauses, genauer: in Singapur. Dort treffen Dan McCrum und die «FT»-Korrespondentin Stefania Palma im Oktober 2018 einen Whistleblower von Wirecard, der sich zunächst intern vergeblich über betrügerische Bilanzierungen beschwert hat. Erstmals sehen die «FT»-Journalisten nun auf Papier, wie Wirecard im grossen Stil Rechnungen gefälscht und Geldflüsse frisiert hat. Zurück in London, schreibt McCrum in seinem abgeschotteten Bunker zusammen mit Stefania Palma den nächsten Artikel, der im Januar 2019 erscheint und den Aktienkurs gleich um volle 40% einbrechen lässt.

Nach diesem schweren Rückschlag schwärmen in den folgenden Monaten nicht weniger als 28 Privatdetektive aus, um «mich, meine Kollegen und ein verwirrendes Sortiment von Investoren und Hedge-Funds-Bossen zu beschatten», wie McCrum in seiner Rückschau schreibt. Er kennt sogar den Namen des Chefs dieser Truppe, Rami El Obeidi, der nach Ghadhafis Tod kurzzeitig Chef des libyschen Geheimdienstes war und nun im Londoner Nobelhotel Dorchester Vertreter der britischen Finanzmarktaufsicht davon zu überzeugen versucht, dass der «FT»-Reporter McCrum gemeinsam mit zockenden Leerverkäufern das Unternehmen Wirecard zerstören wolle.

Auch von einzelnen deutschen Medien und Analysten wird McCrum nun schlicht als Krimineller hingestellt, worauf sein Chef Paul Murphy das Vorgehen der «FT» nochmals in allen Einzelheiten erklärt und das in der «FT» verzweifelt unter den Titel setzt: «Mensch! Dan McCrum ist unschuldig, okay?»

Es nützt nichts. Im April 2019 reicht die deutsche Finanzaufsicht Bafin Strafanzeige gegen Dan McCrum, die Korrespondentin Stefania Palma sowie gegen mehrere Shortseller ein. Nun stehen die beiden «FT»-Journalisten offiziell unter Verdacht, sich mit den Händlern abgesprochen zu haben, um von einem nach unten manipulierten Aktienkurs von Wirecard zu profitieren.

Zugleich laufen die Anwälte des Unternehmens gegen die Zeitung Sturm, so dass der Chefredaktor Barber schliesslich eine externe Anwaltskanzlei mit einer Untersuchung dazu beauftragt, ob seine Redaktoren McCrum und Murphy korrupt sind. Längst stehen nicht mehr nur deren Karrieren und jene von Barber auf dem Spiel, sondern auch der Ruf der «Financial Times» als Institution, falls stimmen sollte, dass das rosarote Weltblatt ein deutsches Vorzeigeunternehmen in Absprache mit ein paar dubiosen Spekulanten systematisch kaputtschreibt. Doch die externen Anwälte finden nichts, nach zwei Monaten Zwangspause kann McCrum weitermachen.

Markus Braun, der ehemalige Chef von Wirecard, hier schweigend vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages im November 2020.

Fabrizio Bensch / Reuters

Das kühne «Projekt Panther»

Braun und Marsalek geben sich noch lange nicht geschlagen. Trotz miesen Schlagzeilen überzeugen sie ebenfalls im April 2019 den japanischen Konzern Softbank, als Ankeraktionär mit 900 Mio. € bei Wirecard einzusteigen. Ein starkes Signal. Auch in der deutschen Politik ist das Vertrauen offensichtlich noch immer intakt. Nach einem erfolgreichen Lobbying des früheren Ministers Karl-Theodor zu Guttenberg bei der Kanzlerin wirbt Angela Merkel im September 2019 bei ihrem Staatsbesuch in Peking für Wirecards Markteintritt in China. Der Aktienkurs zieht wieder an (wenn auch zum letzten Mal), und all dies treibt offenbar auch nochmals kräftig die Phantasie des Führungsduos an: Braun und Marsalek wollen nicht weniger als die Deutsche Bank übernehmen. Das kühne Projekt heisst «Panther», und in einem 40-seitigen Papier, das sie dazu bei McKinsey bestellen, prognostizieren die Berater einen zusätzlichen Gewinn von 6 Mrd. € bis im Jahr 2025. Geld, das man sehr gut gebrauchen könnte.

Doch das «Projekt Panther» wird bald zum Papiertiger, als Dan McCrum am 14. Oktober seinen wohl brisantesten Artikel samt firmeninternen Dokumenten publiziert, die den Schluss nahelegen, dass die Hälfte des Geschäfts von Wirecard schlicht nicht existiert. Viele Zahlen in Europa sind frisiert, und in Asien, dem Verantwortungsbereich von Jan Marsalek, gab es Luftbuchungen am Laufmeter. Kunden, Rechnungen, Umsätze – reihenweise erfunden. Als die «FT»-Korrespondentin Stefania Palma angebliche Businesspartner von Wirecard auf den Philippinen besuchen wollte, traf sie dort eine Busfirma und einen pensionierten Seemann an.

Die Papiere der «FT» seien gefälscht, behaupten nun Braun und Marsalek. Trotzdem geraten sie jetzt noch mehr unter Druck, weil neue Mitglieder in ihrem Aufsichtsrat wie auch der Ankeraktionär Softbank eine Überprüfung der letzten Bilanzen durch eine neue Revisionsfirma verlangen. Als sich die Leute von KPMG im November 2019 kritisch über die Bücher von Wirecard beugen, ist der Anfang vom Ende eingeläutet. Am 18. Juni 2020 muss Wirecard schliesslich öffentlich eingestehen, dass 1,9 Mrd. € Bargeld «fehlen»; am 22. Juni, dass die 1,9 Mrd. gar nie vorhanden waren; am 25. Juni, dass das Unternehmen Insolvenz anmelden muss.

Nach dem Konkurs von Wirecard regnet es Journalistenpreise für den Reporter, der diesen gigantischen Bilanzbetrug fast im Alleingang aufgedeckt hat. Dan McCrum schreibt bereits an seinen Wirecard-Memoiren, die Geschichte wird gleich doppelt verfilmt, in England wie in Deutschland.

Stoff fürs Kino

Anfang November 2020 reist McCrum nach Berlin, aber nicht als Beklagter, sondern als Sachverständiger im Untersuchungsausschuss des Bundestags zur ganzen Affäre. Im vertraulichen Hearing äussert er offenbar besonders scharfe Kritik an den Revisionsgesellschaften, und die Pointe dazu liefert ein paar Tage später der oberste Aufseher über diese Revisionsgesellschaften, der vor dem gleichen Ausschuss zugeben muss, dass er privat noch im April 2020 fröhlich mit Wirecard-Aktien gehandelt hat.

Markus Braun, der schon vor McCrum im Ausschuss antraben musste, verweigerte bei 83 von 86 Fragen die Antwort, während das vorläufig Letzte, was im Juli 2020 vom flüchtigen Jan Marsalek an die Öffentlichkeit drang, das Protokoll eines bizarren Chats zwischen ihm und einem befreundeten Berater war, das «Der Spiegel» jedoch für echt hält.

Berater: Willst du dich stellen, oder machst du einen auf Richard Kimble?

Marsalek: Wer ist Richard Kimble? 😂

Berater: Kimble auf der Flucht, Fernsehserie und Film. Ein Mann ist unschuldig verurteilt, flüchtet und beweist seine Unschuld.

Marsalek: Ist halt leichter, wenn man schuldig ist und 1,9 Milliarden hat . . .

Ob die Chats echt sind oder nicht, eines ist klar: Diese Geschichte ist noch lange nicht zu Ende.

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