Tansania: Deutschland und Kolonialschuld

Vor 130 Jahren wurde die Stadt Tanga von den Deutschen an der Ostküste Afrikas gebaut, damals die modernste Metropole am Äquator. Heute rotten viele Gebäude vor sich hin; weder Tansania noch Deutschland haben Interesse am Erhalt der kolonialen Architektur. Doch einige Tangaer stemmen sich gegen den Verfall

Straßenbild Tanga. Foto: Nick Reimer

Vor 130 Jahren wurde die Stadt Tanga von den Deutschen an der Ostküste Afrikas gebaut, damals die modernste Metropole am Äquator. Heute rotten viele Gebäude vor sich hin; weder Tansania noch Deutschland haben Interesse am Erhalt der kolonialen Architektur. Doch einige Tangaer stemmen sich gegen den Verfall

“Willkommen im deutschen Herzen Afrikas!” Joel Niganile sitzt hinter einem schweren Schreibtisch in einem hohen, gelb getünchten Raum. Ein Ventilator an der Decke versucht gegen die Schwüle anzukämpfen, hinter Niganile hängt ein Foto des Bezirkshauptmann Eugen Krenzler an der Wand.

Joel Niganile leitet das Museum “Urithi” in der Stadt Tanga, eine der größten Städte Tansanias. Untergebracht ist das Museum im ehemaligen Kaiserlichen Bezirksamt, einem deutschen Kolonialbau aus dem 19. Jahrhundert. “Urithi” ist Suaheli und bedeutet so viel wie “Erbe”. Ein Erbe, das es in sich hat.

Zum Beispiel Eugen Krenzler. Der Hauptmann führte 1890 die Artillerie der sogenannten Wissmann-Truppe gegen das Volk der Waseguha, eine Söldnerarmee, die von der “Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft” bezahlt wurde. Die Waseguha, ein Küstenvolk am indischen Ozean, hatten sich gegen die brutalen Methoden der deutschen Besatzer aufgelehnt. Nachdem Krenzlers Leute sie vernichteten, wurde er zur Belohnung Bezirksamtmann in Tanga.

Vielleicht saß Krenzler auf genau dem gleichen Platz, an dem jetzt Joel Niganile gerade sitzt, hier im Kaiserlichen Bezirksamt, dem Verwaltungszentrum im Nordosten der deutschen Kolonie.

“Eine Führung, bittschön”, schlägt der Museumsdirektor vor. Schnell wird klar, dass das Museum keines ist, wie wir es uns in Deutschland vorstellen: Vitrinen gibt es nicht, Ausstellungsstücke sind rar, es hängen Reproduktionen von alten deutschen Postkarten an den Wänden: “Bismarckdenkmal”, “Boma-Kaserne”, “Die Landungsbrücke im Hafen” oder “Das Hotel Kaiserhof”. Geschichte wird hier nicht nacherzählt, hier weht Geschichte durch das Haus.

An vielen Stellen müsste der Bau dringend renoviert werden. Aber der Staat hat kein Interesse, weder an der Historie, noch an deutscher Bausubstanz. “Wir finanzieren hier alles selbst”, sagt Museumsdirektor Niganile.

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Foto: Nick Reimer

Entstanden ist das Museum “Urithi” 1999. Damals sollten alte Kolonialgebäude Tangas abgerissen werden. In Tansania gehören die Häuser in der Regel einer staatlichen Gesellschaft, der genau so wie einst in der DDR das nötige Kapital fehlt, um die Altbausubstanz zu erhalten. Viele der deutschen Häuser in Tanga sind von den Behörden gesperrt, weil sie baufällig sind. Zum Schluss bleibt oft nichts anderes als der Abriss.

Aber dagegen organisierte sich zunehmend Widerstand, immer mehr Einwohner Tangas lehnten sich dagegen auf, noch mehr der historischen Bausubstanz zu verlieren. Sie gründeten die Stiftung “Urithi”, sammelten Geld, boten der Stadtverwaltung an, die vom Abriss bedrohten Gebäude selbst zu renovieren. Auf diese Weise konnte auch das alte deutsche Bezirksamt vor dem Verfall gerettet werden, in dem heute das Museum “Urithi” das Erbe pflegt.

Die größte aller deutschen Kolonien

Offiziell begonnen hat alles vor 130 Jahren: Am 1. Januar 1891 nahm Kaiser Wilhelm II. Deutsch-Ostafrika per Dekret in Besitz, mit 995.000 Quadratkilometern die größte aller deutschen Kolonien, fast dreimal so groß wie die Bundesrepublik heute. Aus Tanga sollte die modernste Stadt Ostafrikas werden, Anfang der 1890er Jahre rissen die Deutschen die Eingeborenen-Häuser einfach ab. Wie auf dem Reißbrett zogen sie Straßen parallel zwischen Meer und Eisenbahn, die sie in die Pangani-Ebene Richtung Usambara-Berge hinaustrieben, die erste Eisenbahn in Zentralafrika.

Die Deutschen führten Mitte der 1890er Jahre Fliesen der saarländischen Firma Villeroy & Boch ein, importierten Fensterglas, das bis dahin südlich des Äquators unbekannt in Ostafrika war, bauten die ersten Toiletten, die mit Wasser gespült wurden und stellten Laternen an den Straßen auf. Erstmals war die Nacht im Zentrum Afrikas nicht mehr dunkel.

“Du kannst die deutschen Gebäude von all den anderen unterscheiden”, sagt Museumsdirektor Niganile, der eigentlich Maler ist und in seinem Museum auch einige seiner Gemälde zeigt. “Neugotischer Stil - vor deutschen Gebäuden stehen Säulen, auf denen fast immer ein Balkon ruht”, sagt Joel Niganile. Obgleich es jetzt am Nachmittag besonders heiß ist, fordert er zu einem Stadtrundgang.

Wenn man vom alten Bezirksamt auf die “Kaiserstraße” einbiegt - heute heißt sie “Independence Avenue” - trifft man auf deutschen Häuser; viele davon sind baufällig, unbewohnbar. Joel Niganile biegt rechts in die “Bank Street” ein und sagt: “Das dort ist die alte deutsche Markthalle”. Unter einem riesigen Zinkblechdach haben Händler ihre Waren ausgebreitet, Obst und Gemüse aus dem Umland, Gewürze von der Insel Sansibar oder Lederhandwerk, das von Massai angeboten wird.

“Die Deutschen erließen eine Markthallenverordnung, nach der sämtliche Produkte über diese Markthalle verkauft werden mussten.”

Der Verkauf auf offener Straße wurde ab 1894 verboten, wer trotzdem etwas auf der Straße zum Verkauf anbot, musste mit 20 Peitschenhieben rechnen. Einerseits stellten die Deutschen mit der Verordnung sicher, dass sie sämtlichen Handel kontrollierten, andererseits kam so Geld in die chronisch klammen Kolonialkassen: Jeder Händler musste eine Stand-Gebühr bezahlen.

In der Fleischhalle waren 14 Pesa pro Tag und Marktstand zu entrichten, für einen kleineren Verkaufsstand wurden 4 Pesa fällig. Ein System, das heute immer noch gilt, sagt Joel Niganile: “Auch die von den Deutschen eingeführte Hüttensteuer gilt heute immer noch.” An vielen Häusern in Tangas Stadtgebiet prangt neben der Eingangstür die Steuernummer.

Offiziell angetreten waren die Deutschen 1891 in Ostafrika, um die Sklaverei abzuschaffen. Sie erließen ein Gesetz, mit dem die Sklaven weitreichende Rechte bekamen. Zum Beispiel wurde das häusliche Züchtigungsrecht durch den Dienstherren abgeschafft, Sklaven durften sich frei kaufen und ihre Kinder waren per Gesetz ab sofort frei.

Das aber hatte zur Folge, dass den Weißen die Arbeiter ausgingen, denn Arbeit war in der ostafrikanischen Gesellschaft genauso schlecht angesehen wie die Sklaven. Wer etwas auf sich hielt (und es sich leisten konnte), der ließ andere für sich arbeiten.

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Foto: Nick Reimer

Die Hüttensteuer der Deutschen sollte das ändern. Jeder, der sein Dach über dem Kopf nicht verlieren wollte, musste ab sofort Geld verdienen, um diese Steuer zu bezahlen. Geld spielte bei den meisten Völkern bis zur Ankunft der Deutschen keine Rolle. Offiziell schafften die Deutschen die Sklaverei zwar ab, aber sie versklavten alle Einwohner zur Arbeit.

Aus Deutschland wurden lediglich die Offiziere geschickt

Dabei gab es in Deutsch-Ostafrika fast keine Deutschen. Um die Jahrhundertwende lebten gerade einmal gut eintausend Deutsche in der Kolonie, drei Viertel davon Männer. Die deutsche Einwohnerzahl stieg nie dauerhaft über 5.000, deutsche Auswanderer wählten damals lieber Amerika als Ziel, weil dort das Klima vergleichbar und tropische Krankheiten unbekannt waren. In Tanga lebten 1908 insgesamt 141 Weiße und fast 5.700 Einheimische - außerhalb des Stadtrings. Tangas Zentrum blieb den Deutschen, den indischen Händlern und arabischen Seefahren vorbehalten.

Nicht einmal die Soldaten waren Deutsche: Für die “Kaiserlichen Schutztruppe” wurden bis zu 2.500 “Askari” angeheuert - Swahili für “Wächter” oder “Krieger”. Sudanesen, Ägypter oder Zulus - die Deutschen hatten früh erkannt, dass eine Kolonial-Armee allein aus deutschen Soldaten schon bald “bei dem tropischen Klima mit seinen tückischen Krankheiten einem laufenden Lazarett gleichen” würde, wie es in den Kolonialakten heißt.

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Foto: Nick Reimer

Aus Deutschland wurden lediglich die Offiziere geschickt, zur Ausbildung und Führung. Die Dienstzeit betrug drei Jahre, der monatliche Sold 30 Rupien, was damals sehr viel Geld war. Der Drill war preußisch, die Askaris waren die wichtigste Unterdrückungswaffe der Deutschen. Obwohl sie vielen Stämmen in der Kolonie zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen waren, behielten die Askaris dank ihrer Maxim-Maschinengewehre stets die Oberhand. Die wassergekühlte Monsterwaffe konnte schon damals bis zu 600 Schuss pro Minute abfeuern.

Die Peitsche

Wesentlich häufiger als das Maxim setzten die Askari aber die Peitsche ein, gefertigt aus dem Leder der Nilpferde, einem besonders zähen Material. 20 Peitschenhiebe wogen drei Gefängnistage auf, und dann kam noch ein Peitschenschlag extra dazu, der Schlag na moja kwa kaisa, also ein Extrahieb “im Namen Seiner Majestät des deutschen Kaisers”. Wer zu mehr als 30 Peitschenhieben verurteilt wurde, hatte Glück, wenn er mit dem Leben davon kam: Nicht selten waren die Gepeinigten so zerfetzt, dass sie den Verletzungen erlagen.

Von der Markthalle sind es über die “Tower Street” nur 200 Meter bis zum ehemaligen Hotel “Kaiserhof”, einst “die beste Adresse in ganz Ostafrika”. Allan Abbas Chellangwar sitzt in der Lobby, seine Familie hat das Hotel vor einigen Jahren von der Tansanischen Gebäude-Gesellschaft gekauft, für 88 Millionen tansanische Schillinge, umgerechnet knapp 34.000 Euro.

Noch sind die alten Treppengeländer, die Original-Türen und Fensterläden erhalten, obwohl es an mancher Stelle reinregnet. “Sieh dir doch mal diese Bauweise an”, sagt Chellangwar begeistert. Der 30-jährige wurde am Kilimandscharo geboren, hat in Großbritannien studiert - jetzt träumt er davon, das Hotel in altem Glanz neu erstrahlen zu lassen.

Allan Chellangwar ist groß im Sisalgeschäft. Anfang der 1890er Jahre schmuggelte der deutsche Agrarwissenschaftler Richard Hindorf eintausend Setzlinge der Sisal-Pflanze aus Mexiko über New York und Hamburg nach Tanga. Zwar überlebten nur einige Dutzend der Jung-Agaven. Aber die gediehen in dem tropisch-feuchten Klima derart günstig, dass Hindorf im zweiten Jahr schon ein Feld und im dritten zwei ganze Hektar mit Sisal bepflanzen konnte.

Es begann ein wahrer Sisal-Boom in Tanga. “Die Deutschen waren die ersten, die die Sisalagaven in riesigen Plantagen anbauten”, sagt Allan Chellangwar. Schiffstaue, Garne, Seile, Netze, Tanga entwickelte sich zur Welthauptstadt des Sisals. Um 1900 kam ein Drittel aller Sisalfasern im weltweiten Handel aus Tanga. Zehn Jahre später waren es schon zwei Drittel, das machte Tanga damals reich und weltberühmt.

“Vor 30 Jahren brach der Weltmarktpreis ein”, sagt Chellangwar, die Tonne Rohmaterial war keine 200 Dollar mehr wert. Tansanias Regierung privatisierte die Sisalplantagen und Chellangwars Familie schlug zu. Heute lohnt sich das Geschäft wieder, der Preis hat sich verzehnfacht, Allan Chellangwar beschäftigt 300 Menschen und kann die Nachfrage auch aus Deutschland gar nicht decken.

“Im dritten Jahr kannst du zum ersten Mal die Blätter schlagen, aber richtig gute Fasern bringt erst der Schnitt ab dem fünften Jahr”.

Es wird also eine Weile dauern, bis die Ernte der Nachfrage folgen kann.

Kolonialschuld: “Die Briten sind da sehr viel weiter”

Nicht länger warten sollte das Befassen der Deutschen mit ihrer Kolonialschuld, findet Allan Chellangwar. “Die Briten sind da sehr viel weiter”. Die kolonialen Gräuel des Vereinigten Königreiches seien erforscht und gut dokumentiert, die Briten hatten nach dem Ersten Weltkrieg als Siegermacht Deutsch-Ostafrika übernommen.

“Die Briten werden euch eure Taten, eure Schuld in Tansania nicht abnehmen, an das Kapitel müsst ihr schon selbst ran”, sagt Chellangwar. Beispielsweise die Nilpferdpeitsche: Bis zur Ankunft der Deutschen war das Auspeitschen von Menschen in Ostafrika völlig unbekannt. Freilich meint der junge Tansanier mit befassen auch bereisen, denn das ist sein Geschäftsmodell.

“Der Kaiserhof ist für mich aber mehr als ein deutsches Hotel: Es ist meine Heimat, meine Identität. Keiner will, dass so etwas verfällt”.

Groß ist die Touristenschar in Tanga freilich nicht, “zwei, drei Mal kommen Ausländer pro Woche zu uns”, sagt Museumsdirektor Nignile, selten Deutsche. Zwar gebe es Kontakt zur Deutschen Botschaft und manchmal auch etwas Unterstützung.

“Ich wundere mich aber, wie wenig sich die Deutschen für die deutsche Architektur in Tanga interessieren.”

Natürlich wünscht sich Joel Niganile mehr Unterstützung. Für ihn sind die baufälligen deutschen Häuser aber nichts deutsches, “für mich ist das mein Tanga”.

Auf dem Weg zurück zum Bezirksamt kommt man am deutschen Glockenturm vorbei. “Im Jahr 1901 errichtet, zeigt er noch heute zuverlässig die aktuelle Zeit”, sagt Joel Niganile. Bis die Deutschen nach Tanga kamen, spielte Zeit hier keine so große Rolle. “Jetzt gilt aber auch hier bei uns die Pünktlichkeit!”

Nick Reimer bereiste Tanga vor Ausbruch der Corona-Pandemie (Nick Reimer)

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