Corona-Pandemie: Japan findet Trost bei einem Zeichentrickfilm

Ein Zeichentrickfilm hat in Japan während der Pandemie alle Kinorekorde gebrochen. Die Pandemie trägt zum Erfolg des Phänomens bei.

Ein Zeichentrickfilm hat in Japan während der Pandemie alle Kinorekorde gebrochen. Die Pandemie trägt zum Erfolg des Phänomens bei.

Er schlachtet Dämonen und schlägt Kinorekorde: Tanjiro Kamado.

PD

Krisen suchen sich ihre Helden. In Japan hat die Coronavirus-Pandemie Tanjiro Kamado gefunden, den Helden des Zeichentrickfilms «Demon Slayer: Mugen Train», grob übersetzt «Dämonenschlächter». Der Anime, wie japanische Zeichentrickfilme heissen, ist seit seinem Start im Oktober letzten Jahres trotz Pandemie und den damit verbundenen Massnahmen zum erfolgreichsten Kinofilm der japanischen Geschichte geworden.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Eigentlich ist Tanjiro ein sanfter Junge. Durch eine doppelte Tragödie wird er zum Rächer und Retter. Dämonen ermorden seine Familie und verwandeln seine Schwester Nezuko in einen blutdurstigen Geist. Tanjiro rettet seine Schwester und befreit die Menschheit von den bösen Geistern.

«Dämonenschlächter» wird ein gesellschaftliches Phänomen

Der Film trifft ganz offensichtlich einen Nerv: Jung und Alt sind vor der Leinwand zu Tränen gerührt, wie Tanjiro Dämonenblut vergiesst. «Ich habe geweint wie lange nicht mehr», erzählt die Juristin Makiko Shimura. Obwohl es in der Geschichte um Geschwisterliebe geht, sehen einige Kritiker darin eine Parabel für den langen Kampf gegen die Corona-Pandemie.

Der kommerzielle Erfolg ist beeindruckend. Der Film hat inklusive einer Comicserie, einer Fernsehserie und einer Reihe an Merchandise-Artikeln mehr als 2 Milliarden Franken eingespielt. «Demon Slayer» ist zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden. In Umfragen gaben 90 Prozent der Japaner an, wenigstens vom Film gehört zu haben. Ministerpräsident Yoshihide Suga bezog sich in einer Kabinettssitzung auf das «voll konzentrierte Atmen», eine der vielen Atemtechniken, mit der die Dämonenjäger ihre Sinne schärfen und Kräfte verstärken.

Nun beginnt «Demon Slayer» auch das Ausland zu erobern. Das Filmstudio des japanischen Elektronik- und Unterhaltungskonzerns Sony wird den Film demnächst in amerikanische Kinos bringen. Und die dazugehörige Serie findet übersetzt auf Netflix Fans.

Japanische Mangafiguren sind weltweit erfolgreich

Der Erfolg des blutrünstigen Streifens geht dabei auf drei Faktoren zurück. Der erste ist die japanische Liebe zu Manga und Anime, die selbst bis in die regierende Elite reicht. Der 80-jährige Finanzminister Taro Aso ist bekennender Manga-Fan. Da wundert es nicht, dass jetzt mit «Demon Slayer» sechs der zehn erfolgreichsten Kinofilme in Japan Animes sind.

Tanjiro rettet seine verwundete Schwester Nezuko.

PD

Der Disney-Streifen «Frozen» ist der einzige ausländische Zeichentrickfilm, der es in die japanischen Top Ten geschafft hat. Der Rest stammt von japanischen Zeichnern, allen voran dem berühmten Studio Ghibli. Dessen globaler Hit «Chihiros Reise ins Zauberland» wurde nun von «Demon Slayer» auf den zweiten Platz der Allzeitbestenliste verdrängt.

Der zweite Erfolgsfaktor ist, dass Japans Pop-kultureller Komplex bei Manga, Anime und Videospielen eine verkaufsstarke Wertschöpfungskette aufgebaut hat. Den grössten Umsatz erwirtschaftet hat die Videospielfigur Pokémon von Nintendo; inklusive Kartenspielen und Filmen der globale Franchise-Spitzenreiter mit geschätzt mehr als 100 Milliarden Dollar Umsatz. Platz zwei geht an die zuckersüsse Katze Hello Kitty des Spielzeugkonzerns Sanrio. Beide japanischen Figuren schlagen damit Walt Disneys Bär Winnie-the-Pooh, der allerdings schon seit 1924 Geld scheffelt.

Die drei erfolgreichsten Medienfiguren

Ob Videospiel, Komik oder Film – diese Figuren sind die globalen Grossverdiener (in Mrd. Dollar)

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Tanjiros Heldentaten sind ein Lehrbuchbeispiel der Serienvermarktung, bei der ein Teil der literarischen Lieferkette das andere verstärkt. Seine Geschichte startete bereits 2016 als Manga. Doch die Veröffentlichung in einem Wochenmagazin und daraufhin gesammelt in Heften war anfänglich mässig erfolgreich.

2019 folgte dann die Anime-Serie, die den Boom zündete, wie Yuka Ijima, Soziologin an der Daito-Bunka-Universität, erklärt: «Die überwältigende Anzahl der Leute begann sich über die Fernsehserie für ‹Demon Slayer› zu interessieren und nicht über das Manga.» Doch der Erfolg der Serie kurbelt den Verkauf der Hefte an. 23 Bände sind bisher erschienen, die mehr als 120 Millionen Mal verkauft wurden.

Die Pandemie verstärkt den Boom

Der Film brachte dann den gesamtgesellschaftlichen Durchbruch und regte die Manga-Verkäufe noch stärker an. Denn das Kinoereignis deckt nur einen Teil der Geschichte ab. Wer das Ende erfahren will, muss lesen.

Der dritte Faktor für den Erfolg von «Demon Slayer» ist erstaunlicherweise die Corona-Pandemie. «Es ist eine Geschichte über persönliches Wachstum, das Überwinden von Schwierigkeiten und Widerstandskraft», sagt Ijima. Diese Eigenschaften seien in den Zeiten der Corona-Krise gefragt. «Japaner mögen solche Geschichten», erklärt die Expertin.

Bei der ersten Corona-Welle im Frühjahr schlossen die Behörden die Schulen und forderten die Angestellten dazu auf, zu Hause zu arbeiten. So kam es, dass nicht mehr nur Kinder die Anime-Serie schauten, sondern auch ihre Mütter und Väter oder ältere Geschwister. Schliesslich wurden alle Generationen vom Dämonenjäger-Fieber erfasst, bis hin zu den Senioren.

Der Start des Films musste allerdings auf den Oktober verschoben werden. Auch das zahlte sich aus. Nachdem die zweite Corona-Welle überwunden war, suchten die Menschen wieder nach Unterhaltung ausserhalb des eigenen Heims. Gleichzeitig gab es wenig filmische Konkurrenz.

Erstaunlicherweise wurde der Boom auch dadurch nicht abgewürgt, dass die Regierung Anfang dieses Jahres in Teilen des Landes die Restriktionen wieder verschärft hat. Zwar sind Restaurants angewiesen, um 20 Uhr zu schliessen. Kinos dürfen allerdings weiterhin geöffnet bleiben. Und so können die Japaner weiter mit dem Dämonenschlächter Tanjiro mitfiebern.

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