Soziale Netzwerke: Das bessere Facebook

1985 programmierten kalifornische Hippies eines der ersten sozialen Netzwerke. Schönheit und Schrecken der Digitalisierung zeigten sich schon in der Pioniergemeinschaft.

Anfang April 1985 sitzt Matthew McClure am Hafen des kalifornischen Sausalito in seinem Büro, durch dessen Dach manchmal der Regen tropft. Er ahnt nicht, dass in diesem Moment ein historisches Experiment beginnt. Inmitten von Kabeln und Kaffeebechern fährt er seinen Rechner hoch. Buchstaben zucken über den Bildschirm, manchmal hört er im Hintergrund das Fiepen und Kreischen eines Modems, was ihm signalisiert, dass sich jetzt auch andere einwählen in eine der ersten und eine der einflussreichsten Online-Gemeinschaften der Welt. Diese Gemeinschaft heißt The Well. Die Abkürzung steht für Whole Earth ’Lectronic Link und handelt von einer Sehnsucht: die ganze Welt elektronisch verbunden, vereint in einem einzigen, pulsierenden Netzwerk der Information.

Matthew McClure, Stanford-Absolvent, Computerfreak und ein Meister der sanften Kommunikation, schaut vom Morgen an bis in die Nacht nach den neuesten Postings. Er schlichtet Streit und mahnt behutsam, wenn irgendwer mal wieder zu lange Texte schreibt oder sich die Debattierenden verkeilen. Zwölf Jahre lang hat er in der Kommune The Farm in Tennessee gelebt. Und er hat, wie viele, die in der neuen Online-Gemeinschaft zusammenkommen, Peyote, Pilze oder LSD genommen. Im Rausch, sagt er, habe er die Erfahrung gemacht, dass es eine Art überpersönliches Bewusstsein gibt, das alles mit allem verbindet. Diese Verbundenheit entdeckt er im April 1985 erneut – mittels einer Software, die Menschen aus ihren Körpern herauskatapultiert in eine neue, geheimnisvoll schillernde Sphäre: den Cyberspace. Gemeinsam mit anderen Hippies und Hackern erfindet Matthew McClure die Utopie einer virtuellen Gemeinschaft, eine neue Welt – die allerdings nie so schön wird wie gedacht.

Schon in der digitalen Pioniergemeinschaft von The Well, diesem bis heute existierenden Urmodell aller sozialen Netzwerke, zeigen sich Chancen und Schrecken der Vernetzung. Denn selbst hier, inmitten von Hippies, Civil-Rights-Aktivisten und Kriegsgegnern, gibt es Hass und Hetze, Mobbing und Schmutzattacken. Aber eben auch jede Menge Solidarität und Hilfsbereitschaft, Spendenaktionen für kranke oder in Not geratene Mitglieder. Wer die Tiefenursachen des kommunikativen Klimawandels in den sozialen Netzwerken begreifen will, sollte deren Ur- und Frühzeit daher nicht als bloße Nerd-Geschichte abtun. Was hat man damals anders gemacht? Welche richtigen und welche falschen Pfadentscheidungen wurden getroffen? Was lässt sich aus der Vergangenheit der Netzkultur für das Heute lernen?

Den Anstoß zur Gründung von The Well gab Larry Brilliant, ein amerikanischer Arzt und Epidemiologe. Brilliant lebte einige Jahre lang im Aschram des Gurus Neem Karoli Baba im Norden Indiens und gründete mit anderen Sinnsuchern die Seva Foundation, die Geld sammelte, um die Blindheit in den ärmeren Gegenden der Welt mit kostengünstigen Operationen zu bekämpfen. Steve Jobs, dem er bei seinen Pilgerreisen begegnet war, schenkte ihm für diese Arbeit einen Apple-II-Computer, der Brilliant schon bald wertvolle Dienste leistete: Als ein Seva-Hubschrauber in einem entlegenen Tal in Nepal kaputtging, nutzte er das Gerät, um mittels neuartiger digitaler Konferenzsysteme Ersatzteile zu organisieren. Dies war Brilliants Schlüsselerlebnis. Er war fasziniert von der Effektivität des neuen Werkzeugs und beteiligte sich, Philanthrop und Unternehmer, an der Firma NETI (Network Technologies International), die ein frühes System für Computerkonferenzen entwickelt hatte.

Eines Tages bat er seinen Freund Stewart Brand um ein Treffen. Brand war mit den Merry Pranksters, einer kalifornischen Hippie-Künstlergruppe, in einem bunt bemalten Schulbus durch die Gegend gezogen. Er hatte 1966 in San Francisco das Trips Festival mit Tausenden Teilnehmern veranstaltet (LSD war damals noch legal), und er erfand den Whole Earth Catalog, halb Magazin, halb Produktkatalog, der zum Zentralorgan der amerikanischen Gegenkultur wurde, zu einer Bibel der Do-it-yourself-Kommunarden. Wie wäre es, schlug Brilliant vor, wenn Brand seine Leserinnen und Leser über das neue Konferenztool miteinander diskutieren ließe? Er bot ihm Startkapital, Software und einen VAX-Minicomputer, der so groß war wie ein Kühlschrank.

Brand stimmte zu. Und gab allem bald seine eigene Prägung. Das Ergebnis war The Well.

Brand definierte die Prämissen des Projekts maximal liberal und legte das gesamte Unternehmen als eine Art spätromantisches Kommune-Experiment unter digitalen Bedingungen an. Gleichzeitig bestand er darauf, dass Anonymität unmöglich und der Online-Service – trotz des Verzichts auf Werbung – günstig sein sollte. Nur dann, so seine Idee, würden ethische Verantwortung und spielerische Improvisationslust zusammenkommen. Acht Dollar im Monat kostete das Well-Abo zu Beginn; zwei Dollar zahlte man für jede Stunde, die man das Bulletin-Board nutzte.

Bevor man sich einloggen konnte, bekam man einen Sinnspruch zu lesen, über dessen exakte Bedeutung die Mitglieder über Jahre hinweg stritten: “You own your own words!” War das der Versuch von Stewart Brand und Larry Brilliant, jede Haftung abzulehnen? Vermutlich. Ging es hier um intellektuelles Copyright? Denkbar. Handelte es sich um einen Aufruf zur Selbstverantwortung? Gewiss.

Zukünftige Internet-Milliardäre trafen auf Hacker

Wer das Mahn-Mantra registriert hatte, war drin. Und stieß auf Texte. Und noch mal Texte. Ein endloses Diskurs-Pingpong in einem großen, bei Tag und bei Nacht geführten Gespräch. Keine Bilder, keine Videos, kein Bling-Bling – das war technisch noch gar nicht möglich –, sondern ein weitverzweigtes, entlang von Oberthemen strukturiertes System von Diskussionssträngen. Es ging um alles, was die Teilnehmer gerade interessierte: um LSD-Erfahrungen und um Kindererziehung, die Erkrankung eines Freundes, die Feinheiten der Unix-Programmierung, um Konzerte in der Bay Area, spirituelle Grundlagenwerke, die Band The Grateful Dead oder auch das Sexleben der Tarantel.

Die Debatten waren schon zu Beginn nicht immer harmonisch. Einige Provokateure hatten ihre Freude daran, die linksliberalen, friedensbewegten Well-Menschen mit gezielten Bosheiten aufzumischen. Und es kam mitunter zu verbalen Keilereien, die man flame wars nannte, Flammenkriege. Letztlich aber gelang das in die Tiefe gehende Gespräch, die Erfindung einer digitalen Salonkultur. The Well war, insbesondere in den Anfangstagen, alles gleichzeitig: WG-Küche, Ideenlabor, Kontakthof und Karrieresprungbrett. Die Gründer von AOL (Steve Case) und Craigslist (Craig Newmark) trieben sich hier herum. Zukünftige Internet-Milliardäre trafen auf Hacker.

Seit 1985 hat der Dienst, der 1992 mit dem Internet verbunden wurde, mehrmals den Besitzer gewechselt. 1994 kaufte der Alternativ-Unternehmer Bruce Katz sämtliche Rechte. Er war bald mit dem erbitterten Widerstand der Community konfrontiert, die jedes Profitdenken ablehnte, und gab auf. 1999 erwarb das Magazin Salon die Community. Seit 2012 ist die Gemeinschaft schließlich im Besitz von einigen ihrer Mitglieder. Durch alle Veränderungen hindurch aber hat sich ein elementares Gemeinschaftsgefühl erhalten, bis heute. Warum ist das so?

Auffällig sind fünf Merkmale von The Well:

Erstens war die Gemeinschaft nie sehr groß; zu keinem Zeitpunkt wurde sie unüberschaubar. Alles begann 1985 mit ein paar Hundert Mitgliedern; zu den besten Zeiten waren es maximal 11.000, sagt die langjährige Moderatorin Gail Williams. Zunächst dominierten Männer, Mitte der Neunzigerjahre glich sich das Geschlechterverhältnis dann annähernd aus. Pseudonyme waren stets gestattet, aber die Klarnamen konnte jeder einsehen. Es gab keine Anonymität, vielmehr kam es schon bald nach der Gründung zu zahlreichen fleshmeets, persönlichen Treffen, privaten Picknicks und Partys in der Bay Area.

Zweitens pflegte man in der Moderation einen betont zurückhaltenden Stil. Sämtliche Moderatoren der Anfangsjahre hatten wie Matthew McClure in der Kommune The Farm gelebt. Ihre Moderationsregeln – “Use a light touch”, “Don’t be authoritarian” – lesen sich wie die Maximen aus den Selbsterfahrungsgruppen der Siebzigerjahre. Und auch die Software selbst (das Programm hieß PicoSpan) besaß einen antiautoritären Bias. Der Programmierer Marcus Watts, ein bekennender Libertärer, hatte festgelegt, dass die von Moderatoren gelöschten Texte automatisch als “zensiert” markiert wurden – was die Hemmschwelle für das Löschen extrem hoch legte. Hier wird eine Grundeinsicht des amerikanischen Netzexperten Lawrence Lessig greifbar: “Code is law.” In das Programm selbst sind die Gesetze der Kommunikation eingeschrieben.

Das reine Laisser-faire hat man – drittens – durch die “kommunikative Belagerung” der Pöbler und Provokateure wieder eingehegt. Wer die Freiheit missbrauchte, wurde konfrontiert. An manchen Tagen telefonierte der einstige The-Farm-Kommunarde John Coate, auch er ein Moderator der frühen Jahre, über Stunden hinweg mit verhaltensauffälligen Well-Mitgliedern.

Viertens haben das Abo-Modell und der Verzicht auf Anzeigen eine ganz andere Informations-Ökonomie ermöglicht als die sozialen Netzwerke der Gegenwart. Anders als im Falle von Facebook fanden und finden die Mitglieder von The Well nur das, wonach sie eigenhändig gesucht haben. Es gab und gibt kein Data-Mining, keine speziell optimierten Algorithmen, die den Mitgliedern ungefragt Werbung zuspielen. Und es gab und gibt keine geschickt orchestrierten Anreize, die Hypes, Superlative und das Extreme begünstigen.

Die neue Online-Gemeinschaft studierte sich selbst

Diejenigen, die in der Wahlgemeinschaft The Well zusammenkamen, waren sich, fünftens, in vieler Hinsicht ähnlich – ein eher deprimierender Befund, gemessen an dem Ziel, alle mit allen zu verbinden und die Grenzen der realen Welt zu überwinden. Die Wellianer waren geprägt von einer Mixtur aus alternativer Lebensphilosophie, kybernetischem Denken und spiritueller Sehnsucht, wie der Kommunikationswissenschaftler Fred Turner in seinem fulminanten Buch From Counterculture to Cyberculture gezeigt hat. Und sie hatten ein gemeinsames Ziel, galt es doch, das neue Medium auszuprobieren und zu verstehen.

Dieses Erkenntnisinteresse schlug sich alsbald in zahlreichen Buchveröffentlichungen von Well-Mitgliedern nieder und führte 1993 zur Gründung des bis heute erscheinenden Technologie-Magazins Wired. Die neue Online-Gemeinschaft studierte sich selbst. Und analysierte, paradox genug, die entstehende Bildschirmwelt in den alten Leitmedien der Schriftkultur. Was hier entstand, war eine ekstatische Cybersoziologie, die manchen Computer-Hippie über Nacht in einen hippen Berater verwandelte, der fortan zwischen Davos und Dubai mit großer Geste davon berichtete, wie es im Netz so zugeht.

Der Computer erschien diesen digitalen Bohemiens der Achtziger- und Neunzigerjahre als nützliches Werkzeug, als philosophisches Modell und als Instrument der individuellen Befreiung. Sie formulierten, ausgehend von ihren Erfahrungen in einer kleinen, alles andere als repräsentativen Gemeinschaft, weltweit diskutierte Zukunftsbilder.

So prägte der Journalist Howard Rheingold, Well-Mitglied seit 1985, den Begriff der “virtuellen Gemeinschaft” (1993) und entwarf am Beispiel von The Well ihr Modell. Der Tatsache, dass sich die Well-Mitglieder häufig direkt trafen und von früher persönlich kannten, schenkte er nicht sonderlich viel Beachtung. Der Technikphilosoph Kevin Kelly, auch er war von Anfang an dabei, schwärmte von der dezentralen Eigentümerstruktur und der Schwarmintelligenz der Netz-Zukunft. Sein Buch New Rules for the New Economy von 1998 wurde ein Schlüsseltext des Silicon-Valley-Booms. Und der einstige Rancher und Grateful-Dead-Texter John Perry Barlow beschwor in seinen Essays die Herrlichkeit der körperlosen Existenz im Cyberspace wie ein wiedergeborener Marshall McLuhan. Gemeinsam mit dem Software-Erfinder, Wellianer und einstigen Meditationslehrer Mitch Kapor gründete er 1990 die Electronic Frontier Foundation, eine einflussreiche NGO für Grundrechte im digitalen Zeitalter.

Sie alle erfanden einen neuen Sound, eine neue Sprache, ja eine eigene Netzwerktheologie, in der sie die Begriffe der Informationstheorie mit den Metaphern der Mystik kombinierten und die Flower-Power-Ideen der Vergangenheit mit libertärem Enthusiasmus und der technisch-kühlen Aura einer heftig imaginierten Zukunft.

Inzwischen dient dieses Vokabular anderen Zwecken: Man entdeckt es zum Beispiel in den Postings des Facebook-Chefs Mark Zuckerberg. Building a Global Community heißt ein endlos langer Essay, den Zuckerberg am 16. Februar 2017 veröffentlicht, knapp einen Monat nach der Amtseinführung von Donald Trump, der sich auch mithilfe von Facebook an die Macht gepöbelt hat.

Es ist das Jahr, in dem das Unternehmen einen Nettogewinn von fast 16 Milliarden Dollar einfährt. Zugleich bilden sich auf Facebook die ersten QAnon-Gruppen, und man findet leider kaum Zeit, etwas gegen all die Hassnachrichten zu tun, die zur Vertreibung und Ermordung der muslimischen Minderheit der Rohingya aufrufen. “Online-Gemeinschaften” – ein Begriff, den der Well-Moderator John Coate 1986 erstmals öffentlich verwendet hat – seien so etwas wie “ein Lichtblick” in unserer Zeit, schreibt Zuckerberg. Sie könnten “echte Beziehungen” und die “soziale Infrastruktur” stärken, Menschen mit schweren Krankheiten zu neuer Kraft verhelfen, das solidarische Engagement befördern und allen Menschen eine Stimme geben. “Facebook ist nicht einfach nur Technologie oder Werbeträger, sondern eine Gemeinschaft von Menschen.” Zuckerberg spricht die Sprache der Computer-Hippies von damals, um seinem Milliardenbusiness eine visionäre Aura zu verleihen.

Was sagt Matthew McClure, der sanfte Community-Manager der ersten Stunde, dazu?

McClure ist heute ein Mann von 74 Jahren. Seine langen Haare sind schütter, sein Bart ist fast weiß. Er lebt in Petaluma, einer kleinen Stadt in Kalifornien, eine halbe Autostunde von Sausalito entfernt, wo alles begann. Noch immer meditiert er täglich, manchmal gemeinsam mit seinen Freunden aus der Kommune von einst. Er seufzt. Spricht in Andeutungen, Metaphern. Einmal ist von “Perversion” die Rede. Dann stockt er. Er wolle nichts Hässliches sagen, meint er; das sei ihm wichtig, noch immer.

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und Fellow des Thomas Mann House, Los Angeles. Zuletzt erschien von ihm “Die Kunst des Miteinander-Redens” (gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun).

Seitennavigation

Startseite

Source