Querdenker: Der Aufstand des Mittelstands

Vor einem Jahr begannen in Deutschland die Querdenker-Proteste. Doch es gibt in vielen Ländern ähnliche Bewegungen. Was kennzeichnet ihr Denken? Eine Grundsatzbetrachtung

Dieser Text ist erstmals in der “Boston Review" in englischer Sprache erschienen. Die hier vorliegende Fassung ist demgegenüber leicht gekürzt.

Im Laufe des vergangenen Jahres hat sich weltweit spontaner Widerstand gebildet gegen staatliche Bemühungen, das Coronavirus durch Lockdowns, Social-Distancing-Vorgaben, Maskenpflicht und Impfungen unter Kontrolle zu bekommen. Diese Bewegungen, die von wütenden Freiberuflern und Selbstständigen angeführt werden, sind eher ein “Aufstand des Mittelstands” denn ein “Aufstand der Massen” à la José Ortega y Gasset. Im Unterschied zum Populismus, der noch 2017 die Debatten beherrschte, sind diese Bewegungen nun weniger an medienwirksame Wortführer und Parteien gebunden; sie sind im traditionellen politischen Spektrum schwerer zu verorten und nicht so sehr auf die Übernahme politischer Macht fixiert.

In Anlehnung an die deutsche Bewegung der Querdenker bezeichnen wir die Strategie hinter den diversen Gruppierungen als “Querdenken” und das allgemeinere Phänomen, für das sie stehen, als “Querdenkertum”. Dabei geht die Idee des Aufstiegs eines Querdenkertums über den deutschen Kontext seiner Namensgebung hinaus. Die Querdenker sind nicht zuletzt ein Produkt neuer Technologien und veränderter Kommunikationsverhältnisse. Sie stellen die herkömmliche Links-rechts-Unterscheidung gern infrage (wobei sie im Allgemeinen politisch extrem rechten Überzeugungen zuneigen), geben sich doppeldeutig bis zynisch gegenüber parlamentarisch organisierter Politik und verbinden ganzheitliche und spirituelle Überzeugungen mit einem beharrlichen Sprechen über individuelle Freiheiten.

In ihren extremen Auswüchsen teilen Querdenker-Bewegungen die Überzeugung, dass Macht per se verschwörerisch ist. Staatliche Macht kann gar nicht legitim sein, glauben viele Querdenker, weil der Prozess der Auswahl des Regierungspersonals angeblich von den Mächtigen selbst kontrolliert werde und de facto illegitim sei. Diese Überzeugung ist oft mit dem Eintreten für eine disruptive Dezentralisierung verbunden, dem Wunsch nach verteiltem Wissen und damit verteilter Macht sowie der Anfälligkeit für rechte Radikalisierung. Querdenker-Bewegungen handeln sowohl mit altvertrauten als auch mit neuartigen Fantasien über eine Herrschaft der Eliten. Sie wenden sich gegen angeblich totalitäre Autoritäten wie den Staat, Big Tech und Big Pharma, die großen Banken, die Klimaforschung, die Mainstream-Medien und die politische Korrektheit. In vielerlei Hinsicht sind sie die Nachkommen der außerparlamentarischen sozialen Bewegungen der Siebzigerjahre. Doch deren damaliger Idealismus und ihr Verlangen nach kollektivem Handeln und einer Entkommerzialisierung ist bei den Querdenkern auf das Minimalprogramm einer Verteidigung des Raums autonomer Entscheidungsgewalt geschrumpft.

Der Stempel des Märtyrertums

Nichts ist leichter, als an dieser Stelle “Verschwörungstheorie” zu rufen und solche Mobilisierungen als krankhafte Symptome eines von Krankheitsbedrohungen geprägten Jahres abzutun, in dem die USA als “Superspreader” des Misstrauens fungierten, wie Heidi Larson von der London School of Hygiene and Tropical Medicine der Washington Post sagte. Für den Kulturtheoretiker Jeremy Gilbert allerdings hat der Begriff “Verschwörungstheorie” viele Schwächen mit der älteren Kategorie des “Populismus” gemein: Zu oft dienten beide Begriff dazu, bestimmte politische Auffassungen vorschnell als illegitim aus jeglichem Diskurs auszuschließen, womit man diesen Haltungen gerade den Stempel des Märtyrertums aufdrücke, den sich ihre Anhänger so sehr ersehnten.

Einem alten Axiom der Politikwissenschaft zufolge arbeiten Regierungen mit “Zuckerbrot, Peitsche und Predigten” – mit Zwang und Anreizen also, aber auch mit Informationen. Das Querdenkertum zeigt, dass der universelle Zugang jedes Menschen zum Internet, die aufmerksamkeitsabsorbierende Macht der sozialen Medien und die Dynamik des “Erregungskapitalismus" die Begründung staatlichen Handelns erschweren und so Raum für eine feindselige Gegenöffentlichkeit geschaffen haben – für die Agenten des “Desinfotainments", für soziale Bewegungen wie aus Alices Kaninchenbau, Plattformverschwörungen für die Plattformwirtschaft. Uns bleibt nichts anderes übrig, als dort hinabzusteigen.

Die Versuche, diesen sich lawinenartig ausbreitenden Bewegungen – die ein ganzes Spektrum an Positionen gegen den Staat, gegen den Lockdown, gegen Maskentragen und gegen Impfungen umfassen – einen Namen zu geben, fielen bislang eher bemüht aus. Während es in den USA so schien, als bilde die Unterstützung des unlängst abgewählten Präsidenten für diese divergierenden Positionen eine naheliegende Klammer, erklärten Beobachter die Heterogenität der Querdenker-Bewegungen anderswo zu ihrem Kernpunkt. Der Economist sprach von einem “bunten Haufen", der sich auf Demonstrationen treffe, in denen oft New-Age-Homöopathen neben Skinheads und QAnon-Anhängern marschieren. Für Naomi Klein eint eine Art “Verschwörungssmoothie" die Protestierenden in verschiedenen Ländern. Der Soziologe Keir Milburn sprach von einer “kosmischen Rechten" in Großbritannien. Der brasilianische Philosoph Rodrigo Nunes zog seine Lehren aus dem Massenphänomen namens “bolsonarismo" und beschrieb die Proteste als latente Manifestation von “denialism", einer Verleugnungshaltung, die sich der Unfähigkeit verdanke, mit dem ungeheuren Ausmaß der Herausforderungen klarzukommen, vor denen die Menschheit derzeit stehe.

Die Querdenker sind keine Unterschichtenbewegung

Die erste wissenschaftliche Untersuchung](https://osf.io/preprints/socarxiv/zyp3f/) der Bewegungen von Corona-Skeptikern in Deutschland, Österreich und der Schweiz stellt diese vorläufigen Etiketten infrage. Soziologen und Soziologinnen der Universität Basel um Oliver Nachtwey haben herausgefunden, dass die Bewegung zumindest in Deutschland nicht von klassischen Rechten dominiert wird. Bei den vergangenen Bundestagswahlen hat der größte Prozentsatz der heute aktiv an Querdenker-Protesten Beteiligten für die Grünen gestimmt (23 Prozent), der zweitgrößte für die Linke (18 Prozent), gefolgt von 15 Prozent für die [AfD. Eine Mehrheit unter diesen Querdenkern zeigt keine spezielle Antipathie gegen Zugewanderte oder Muslime und ist auch nicht der Meinung, dass Frauen wieder zu traditionellen Rollen zurückkehren sollten. Die meisten erkennen die wissenschaftlichen Beweise für den Klimawandel an und die Tatsache, dass der Holocaust stattgefunden hat. Die eine Leugnung (Corona) bedingt nicht unbedingt auch andere Leugnungen.

Die Befragten glauben allerdings an die Existenz einer stark abgeschotteten Elite, die die Medien, den Staatsapparat, die Großunternehmen und die Finanzindustrie beherrsche. Sie sind der Meinung, dass Medien und Staat angeblich maßlose Angst in der Bevölkerung verbreiten, die Wahrheit unter den Teppich kehren und das Volk täuschen wollen. Fast zwei Drittel glauben, die Bill and Melinda Gates Foundation befürworte eine weltweite Zwangsimpfung.

Was die soziale Herkunft betrifft, sind die Querdenker keineswegs eine Unterschichtenbewegung. Die von den Basler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Befragten rechnen sich selbst überwiegend der Mittelschicht zu und sind überproportional häufig Selbstständige (25 Prozent; der Anteil der Selbstständigen an der Gesamtmenge der Erwerbstätigen in Deutschland beträgt lediglich 9,6 Prozent). Weltweit werden Proteste gegen staatliche Corona-Maßnahmen häufig von Inhabern kleiner Unternehmen und Selbstständigen angeführt, denen üblicherweise die soziale Bindung einer Gewerkschaftsmitgliedschaft fehlt und deren Beschäftigungssicherheit geringer ist als die von Beamten oder Angestellten großer Unternehmen, die im Homeoffice in “Angestellten-Quarantäne" arbeiten können.

Die große Unzufriedenheit

Kleinunternehmer und Selbstständige haben einen Grund, wütend zu sein. Die sogenannte K-förmige Erholung der Konjunktur hat die Konzerne begünstigt; während die kleineren Unternehmen litten, haben größere Gewinne gemacht und breiten Zugang zu privatwirtschaftlichen wie staatlichen Krediten erhalten.

Die Unzufriedenheit geht über den Protest auf der Straße hinaus. Einer Umfrage zufolge beurteilten Ende vergangenen Jahres rund 40 Prozent der deutschen Mittelständler – der Betreiber kleiner und mittlerer Unternehmen – die Reaktion der Bundesregierung auf die Pandemie “als schlecht” oder “sehr schlecht”. Zwar zeigen sich viele Kleinunternehmer in Deutschland und anderswo frustriert über unzureichende staatliche Maßnahmen – die sich von Land zu Land in Form von Direktzahlungen, Lohnzuschlägen und Arbeitslosenunterstützung erheblich unterscheiden –, doch wollen die meisten einfach nur, dass die jeweilige Regierung ihren Aufgaben effektiv nachkommt. Diese Menschen wollen mit wilden Fiktionen, die im Netz kursieren, nichts zu tun haben. Doch weil ein wachsender Bevölkerungsanteil durch soziale Medien und Videoplattformen Falschinformationen ausgesetzt ist, überrascht es nicht, dass eine beträchtliche Minderheit (die in den meisten Ländern mindestens zehn Prozent ausmacht) ihren Weg in irgendeine Dimension des Querdenkertums gefunden hat.

Auf welchen gemeinsamen Nenner aber soll man die extremere Form von Opposition bringen? “Antilockdown” wird der Breite der Kritik nicht gerecht, die für viele von der Ablehnung dessen, was die Franzosen als “le confinement” bezeichnen, bis hin zur prinzipiellen Skepsis gegenüber Masken, Impfungen und häufig der Realität der Pandemie selbst reicht. Viral gegangene Videos wie Plandemic oder Hold-Up (geschätzte Zuschauerzahl mehr als zehn beziehungsweise sechs Millionen Menschen) beschreiben die Pandemie als einen Vorwand für globale Eliten, um einen tiefgreifenden Umbau des menschlichen Alltagslebens durchzuführen. Rund 80 Prozent der von den Baselern befragten deutschsprachigen Querdenker hielten Covid-19 für nicht schlimmer als eine schwere Grippe, während 96 Prozent sagten, sie würden sich nicht impfen lassen, selbst wenn die Vakzine garantiert keine Nebenwirkungen hätte.

Beim Begriff “Querdenken” muss man an die Querfront denken, die in der Zwischenkriegszeit die “rote” kommunistische mit der “braunen” faschistischen Bewegung verband. Doch verdankt sich der Begriff “Querdenken” einem ganz anderen Ursprung, nämlich dem Jargon der Marketing- und Beratersphäre. Seit Jahrzehnten zirkuliert “Querdenken” im PowerPoint-Jargon für die Geschäftsführungsebene neben verwandten Ausdrücken wie “Bruch”, “über den Tellerrand blicken” oder dem Apple-Gebot aus der Dotcom-Zeit: “anders denken”. In den frühen Nullerjahren gab es einige Jahre lang ein Wirtschaftsmagazin namens Querdenker. Die Genese des Ausdrucks ist passend, fasst er doch eine politisch vielfältige Gruppe von Akteuren trefflich zusammen, die sich unter einer formal leeren Sprechblase aus der Welt der Medienberatung vereint – einer Welt, aus der, wie wir sehen werden, viele der Organisatoren der Bewegung in Wirklichkeit auch stammen.

Was die aktuelle Situation so explosiv macht, sind genau diese freiberuflich tätigen Medien-Wizards, politisch bewegten Heilsbringer und Entrepreneur-Nonkonformisten, die soziale Spannungen gezielt verschärfen wollen. Das dient der eigenen Autorität und oft auch der Selbstbereicherung. Der Zustand der querdenkenden Bewegung in Deutschland ist dahingehend besonders aufschlussreich. Es gibt drei Grundtypen, die für die deutsche Szene von zentraler Bedeutung sind und die sich in verschiedenen Kontexten der weltweiten techno-politischen Turbulenzen zu festen Größen entwickeln. Sie bilden Modellfiguren, die sich von Land zu Land in unterschiedlicher Verkörperung wiederholen: der Bewegungsstrippenzieher, der rechtsgewendete linke Ideologe und der rechtsextreme Esoteriker.

Der Bewegungsstrippenzieher

Im vergangenen August fanden in Berlin zwei Anti-Covid-Protestveranstaltungen statt, die erste mit 20.000 und die zweite mit 38.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Zur ersten Demonstration unter dem Motto “Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit" gehörte am 1. August eine Kundgebung mit großer Bühne auf der Straße des 17. Juni; die zumeist maskenlose Menge erstreckte sich vom Brandenburger Tor bis zur Siegessäule. Besorgniserregend schien die Ansammlung von Menschen augenscheinlich unterschiedlichster Gesinnung: Hippies, Kriegsgegner, Libertäre, Reichsbürger, Neonazis, Alternativmediziner, Impfgegner und unpolitische Linksliberale, um nur einige zu nennen. Ein vergleichsweise kleiner rechtsextremer Protest aber, bei dem es am Abend nach der Demonstration am 29. August fast zu einer Erstürmung des Reichstags gekommen wäre, beherrschte wochenlang die öffentliche Diskussion.

Am 1. August stand Michael Ballweg auf der Bühne am Brandenburger Tor. Der Stuttgarter Unternehmer und IT-Entwickler hat mehrere Start-ups gegründet, unter anderem im Jahr 1996 die media access GmbH. Sie verkauft Software und Dienstleistungen im Bereich Senior-Experten-Management, mit denen Unternehmen pensionierte Mitarbeiter zur Beratung bei bestimmten Projekten reaktivieren können.

“Ich stehe heute hier, weil mir die Welt, wie sie mir von der Bundesregierung präsentiert wird, nicht gefällt”, verkündete Ballweg auf der Bühne in Berlin. Obwohl er die Existenz des Coronavirus nicht leugnet, insistiert er: “Es gibt keine Pandemie.” Und damit gebe es auch keine Notwendigkeit für angeblich verfassungswidrige staatliche Maßnahmen. “Für mich steht das Q für das englische Wort question”, erklärte Ballweg, “eine Gruppe von Fragestellern, die uns zum Nachdenken und Recherchieren anregen.” Wie es sich für einen guten Unternehmer gehört, hat Ballweg den Begriff “Querdenken” in verschiedenen Wortkombinationen markenrechtlich schützen lassen. Im August teilte seine media access GmbH auf ihrer Website unter der Überschrift “Zum Status der Demokratie" mit, Großkunden wie die Robert Bosch AG und thyssenkrupp hätten ihre Verträge aufgrund von Ballwegs Aktivismus gekündigt; diese bestätigten zwar die Auflösung der Geschäftsbeziehungen, doch verwies etwa Bosch darauf, das sei aus wirtschaftlichen Gründen und vor Ballwegs Engagement als Querdenker geschehen. Ballweg stellt sich dennoch als Opfer politisch motivierter Zensur dar und kündigte im vergangenen September den Verkauf von media access an.

Die Intransparenz der Finanzierung

Seit Ballweg hauptberuflich als Bewegungsstrippenzieher unterwegs ist, werden die Finanzen diverser Querdenken-Gruppen genauer unter die Lupe genommen. Die Stuttgarter Gruppe Querdenken 711 um Ballweg bittet um Schenkungen (bis zur Betragsgrenze, ab der Schenkungen versteuert werden müssen) per PayPal oder Überweisung, die direkt auf ein Konto von Ballweg gehen; Spendenquittungen könnten nicht ausgestellt werden, heißt es auf der Website, man arbeite “derzeit an der Eintragung der Gemeinnützigkeit". Auf diese Weise erspart sich die Bewegung auch bestimmte Probleme, die mit einer kollektiv geführten politischen Organisation verbunden sein können – und etwa Sahra Wagenknechts Bewegung Aufstehen 2018/2019 plagten. Gleichzeitig entwickelt Querdenken eine basisdemokratische Struktur aus selbst organisierten Gruppen, die ihre Transparente, T-Shirts und Embleme aus Stuttgart beziehen. Auch von einigen größeren Deals hat Ballweg profitiert, etwa mit Busunternehmen, die Demonstranten durchs Land transportieren, oder mit Randfiguren wie jenem ehemaligen Erotik-Hotline-Betreiber, dem es nach eigenen Angaben 5.000 Euro wert war, auf der Querdenken-Bühne tanzen zu dürfen.

Nachdem die Querdenken-Bewegung Gegenwind bekommen hatte wegen ihres Mangels an Transparenz und dafür, dass sie die Teilnahme von Neonazis an ihren Demonstrationen duldete, warf sie seriösen Medien vor, sie zu verleumden. Auch verurteilte sie förmlich Links- wie Rechtsextremismus, während sie Grußbotschaften an die schwerlich gemäßigte, aus den USA stammende QAnon-Bewegung übermittelte. Trotzdem pocht Ballweg darauf: “Wir sind keine politische Bewegung und auch keine Partei. Wir sind eine demokratische Bewegung aus der Mitte der Gesellschaft mit einer großen Vielfalt.”

Ballwegs Hang zur Intransparenz wird nur noch durch seinen Mangel an Charisma übertroffen. So gleicht er eher dem Strippenzieher der italienischen Cinque-Stelle-Bewegung, dem Internetunternehmer Davide Casaleggio, als deren Mitbegründer, dem publikumswirksam auftretenden Kabarettisten Beppe Grillo. Die von Querdenken entwickelten Vorstellungen stellen jedoch selbst die konspirativsten Elemente der Fünf Sterne in den Schatten. Und ihr digital angetriebenes Theater stützt sich hinter der Bühne auf Allianzen mit einer bunten Gruppe von Medienunternehmern, die sich herkömmlichen Etiketten entziehen.

Der rechtsgewendete linke Ideologe

Auf Querdenkens vermeintlich linkem Flügel findet sich KenFM, ein journalistisches Internetportal, das von Ken Jebsen](https://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-12/linke-querfront-demokratie-positionierung) ins Leben gerufen wurde. Jebsen, ein ehemaliger Antikriegsaktivist und Radiomoderator, verlor seinen Job beim rbb aufgrund antisemitischer Kommentare. Seitdem hat er auf [YouTube, sozialen Medien und seiner crowdfinanzierten Website eine beträchtliche Fangemeinde um sich geschart, vor allem dank seiner Interviews mit einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Autoren, Wissenschaftlerinnen und Künstlern.

Mit reißerischen Titeln wie Transnationaler Elitenfaschismus, Digitale Diktatur: KenFM bekommt Maulkorb verpasst! oder COVID 19 – Ein trojanisches Pferd, ein europäisches 9/11? verrührt KenFM in pseudointellektuellem Stil einen Antielitendiskurs mit dem jeweiligen rechten Aufreger des Tages, seien es Migrationspolitik, Korruptionsskandale oder Coronavirus-Maßnahmen. Mit Videos in Nahaufnahme, die Jebsens autoritären Charakter zur Schau stellen, verwischt das Programm Kapitalismuskritik und Anarchokapitalismus und bringt Linke wie Rainer Mausfeld und Ullrich Mies mit rechten Libertären wie Markus Krall und Max Otte zusammen.

Was diese Spielarten linken und rechten Denkens gemeinsam haben, sind weniger ihre Ziele denn ihre Feinde. Von “Mega-Manipulation” bis “Massenzensur” zeichnen sie alle das dystopische Bild einer Verschwörung der Mächtigen. Neben KenFM haben sich viele weitere solcher Querverbindungen gebildet, etwa der Podcast Multikulti trifft Nationalismus](https://archive.is/CbLjT), den der ghanaisch-deutsche “Lifestyle-Entertainer” Nana Domena (der bei der Querdenken-Demo am 29. August 2020 vorläufig festgenommen wurde) zusammen mit dem Neonazi Frank Kraemer bestreitet. Von allen Kuriositäten und Nuancen einmal abgesehen, hat es die Pandemie dem querdenkenden selbsternannten “Widerstand” ermöglicht, seine Kritik auf die räumlichen und physischen Einschränkungen durch die Regierung zu konzentrieren, die oft von Bundeskanzlerin [Angela Merkel (oder “Merkill") persönlich verkörpert wird. Begriffe wie “Freiheit” und “Demokratie” – und insbesondere “Versammlungsfreiheit” – sind zum Schlachtruf gegen die “totalitären” und “faschistischen” Kräfte, nämlich “die da oben” geworden.

Gegen das Silicon Valley, mit dessen Apps

Um Portale wie KenFM versammeln sich diese Gestalten aufgrund ihrer gemeinsamen Ablehnung der großen Technologiekonzerne. Viele, wenn nicht die meisten Querdenker haben selbst die Erfahrung gemacht, “gecancelt” zu werden. Wenn Plattformen wie YouTube sie sperren oder gar dauerhaft löschen, weil sie haltlose Verschwörungstheorien verbreitet haben, verdammen sie lautstark den Verlust ihrer “Redefreiheit” und ihrer “verfassungsmäßigen Rechte” und machen oft die Regierung für ihre neu gewonnene Unfreiheit verantwortlich. Wie Ein Prozent und zahlreiche andere extrem rechte Gruppen wurde der KenFM-Account unlängst von YouTube gesperrt.

Solche Account-Sperrungen oder -Löschungen oder andere Maßnahmen von Plattformen wie YouTube, Twitter und Facebook verleihen Corona-Skeptikern in ihren Reihen zusätzliche Glaubwürdigkeit. Wie zuvor libertäre und rechtsextreme Wortführer sind auch Querdenker auf eine wachsende Zahl alternativer Plattformen gewechselt, etwa BitChute, DLive, Gab, MeWe, Odyssey, Parler, Periscope, Patreon, Rumble, Substack, Telegram, Twitch und VK.

Paradoxerweise fällt die verbreitete Wendung der öffentlichen Stimmung gegen das Silicon Valley in den vergangenen Jahren und die anschwellende Diskussion über den “Überwachungskapitalismus” (Shoshana Zuboff) gerade bei den Querdenker-Bewegungen besonders scharf aus, obwohl sie für ihr Bestehen am meisten auf digitale Dienste angewiesen sind. Die Kommunikation der Querdenker wird von einer dezentralen Struktur von Plattformen ermöglicht, die selbst Verkörperungen hochkonzentrierter Unternehmensmacht sind.

Die deutschen Querdenker haben unter den verschiedenen Möglichkeiten Telegram als bevorzugte Alternative ausgewählt. Die Plattform eignet sich ideal dafür, Nachrichten mit Links zur Koordination lokaler Proteste in Echtzeit zu versenden oder weiterzuleiten – ein Grund, warum sie auch bei linken Aktivistengruppen beliebt ist. Neben WhatsApp-Gruppen hat die Nutzung von Telegram seit dem Beginn der Pandemie stark zugelegt, womit diese beiden Dienste sich neben YouTube und Facebook zu den wichtigsten Verbreitungswegen für Verschwörungsmythen entwickelt haben. Wo WhatsApp-Gruppen ein Gemeinschaftsgefühl zwischen Fremden mit einer zentripetalen Kraft stiften (die bei Außenstehenden Paranoia erzeugt, wie William Davies beobachtet hat), erzeugt Telegram eine amorphe Gemeinschaft, die von einer eher zentrifugalen Kraft beflügelt wird.

Zusammen treiben diese Technologien eine neue Art politischer Mischbildung voran und sind ein idealer Nährboden für antiautoritären Autoritarismus. Durch ihre fantastische Flucht vor Big Tech können sich verschiedene Gruppen zu einer pauschalen Opposition zusammenschließen, einer “Großen Verweigerung” gegenüber der Verschwörung der Macht.

Der rechtsextreme Esoterikunternehmer

Die Selbstbeschreibung als widerständige Minderheit ist ein Grundmerkmal der Querdenker, das sie zu einem Verbündeten mancher Stimmen in rechten Medien macht. Diese vertreten ja selbst abweichende Meinungen in einem Themenspektrum, das von Impfen über Klimawandel bis zu Einwanderung und “Rassenforschung” reicht, wobei sie sich als wahre Stimme des Volkes ausgeben. Ob sie die Existenz des Virus leugnet, seine Auswirkungen verharmlost oder Experten einer “alternativen Wissenschaft” wie Sucharit Bhakdi und Wolfgang Wodarg zitiert: Die Gemeinschaft der deutschen Corona-Skeptiker schwimmt stolz gegen den Strom.

Doch die Strippenzieher der Querdenken-Bewegung, die auf den Bühnen von Ballwegs Demonstrationen und in jedem sozialen Medienkanal auftauchen, in dem sie nicht gesperrt sind, machen sich eine minoritäre Konzeption “des Volkes” mit einer merkwürdigen Genealogie zu eigen: der rechten Unterwelt der Esoterik und Alternativmedizin.

Tief im Hintergrund dieser Szene spinnt der “braun-esoterische” Unternehmer Michael Friedrich Vogt seine Fäden. Im Laufe seines Studiums in München in den Siebzigerjahren war Vogt Vorsitzender verschiedener rechter Burschenschaften und Neonazistudentenverbände, während er an seiner Doktorarbeit über die philosophische Anthropologie von Marx und Engels arbeitete. Nachdem er fast ein Jahrzehnt lang Honorarprofessor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Leipzig gewesen war, wurde er dort im Jahr 2007 entlassen. Der Grund: Er hatte an einem rechtsextremen Treffen teilgenommen und einen revisionistischen Dokumentarfilm über Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß gedreht, ein Publikumsliebling in diesem Untergrundgenre.

“Ressentiment und Esoterik”

In den frühen Zehnerjahren gründete Vogt einen Internetsender namens Quer-Denken.tv (mittlerweile umgewidmet zu M-V.tv), eine “freie Plattform für freie Geister” und “nonkonforme Querdenker”. Als Teil der selbsternannten “Truther-Szene” produzierte Quer-denken.tv verschwörungstheoretische Artikel und Videos zu Themen wie Chemtrails, Impfstoffen und Pandemien, darunter einen Artikel unter der Überschrift “Ist die Ebola-Pandemie eine Lüge?” im Jahr 2014. Vogt beteiligte sich an der “Antizensurkoalition" und organisierte den alljährlichen “Quer-Denken-Kongress", der auf den ersten Blick wie die Versammlung einer harmlosen, wenngleich verschrobenen Gruppe von Unternehmern aussah, die Ideen austauschten, teure, wenn auch sinnlose Produkte verkauften und bezahlte Interviews gaben.

Bei näherer Betrachtung erwies sich der “Quer-Denken-Kongress” freilich als alles andere als harmlos. Das Treffen im Jahr 2015 etwa bot “eine Mischung aus Verschwörungstheorien, Ressentiment und Esoterik" (Frankfurter Rundschau vom 17. August 2015) mit rechten Galionsfiguren wie Nigel Farage, Eva Herman und Andreas Popp. Am Veranstaltungsort, der hessischen Kreisstadt Friedberg in der Nähe von Frankfurt, protestierten Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Gewerkschaften, Kirchen und Parteien gegen den Kongress.

Aus Vogts Umfeld sind einige Galionsfiguren der Querdenker hervorgegangen. Zu ihnen zählt der Esoterikunternehmer Heiko Schrang, der die Kunst des Geldmachens (und der Meditation) beherrschte, lange bevor er eine große Anhängerschaft auf Telegram, YouTube und anderen Plattformen aufbaute. Schrang hat einen Verlag gegründet (Slogan: “Macht steuert Wissen”), der allerdings eher ein Onlineshop als eine Verlagsanstalt ist, wenngleich er Bücher wie Kulturmarxismus. Eine Idee vergiftet die Welt und Deutschland außer Rand und Band. Zwischen Werteverfall, Political (In)Correctness und illegaler Migration vertreibt. Schrang führt einen persönlichen Krieg gegen die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland, beim “Quer-Denken-Kongress” im Jahr 2016 hielt er eine Rede mit dem Titel Widerstand gegen das GEZ-Unrechtssystem. Schrang weigert sich beharrlich, den Rundfunkbeitrag zu zahlen. Damit ist er ein natürlicher Verbündeter der AfD bei diesem Thema und ein Held für seine Anhängerschaft, die seinen Widerstand bei gerichtlichen Anhörungen feiert.

Ein weiterer führender Querdenker ist Samuel Eckert](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/querdenken-und-samuel-eckert-wie-kinder-im-corona-protest-instrumentalisiert-werden-a-251beba1-87bc-436f-b1de-987419376eb9), ein ehemaliger Laienprediger, der wegen Predigten mit antisemitischen und coronaskeptischen Inhalten Auftrittsverbot in seiner Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten erteilt bekommen hat. Eckert, der auch ein professioneller Pokerspieler und Geschäftsführer mehrerer Firmen ist, siedelte nach eigenen Angaben 2016 in die [Schweiz über, weil er ein Interview auf Quer-Denken.tv gesehen hatte, in dem dazu Tipps gegeben wurden. Ein Schwerpunkt von Eckerts gegenwärtigen Engagements für die Querdenker liegt auf der Beteiligung der Jugend und der Ansprache christlicher Fundamentalisten. “Querdenken ist eine Religion, die man verinnerlichen muss”, erklärt er.

Neben Schrang und Eckert finden sich noch weitere randständige Erneuerer rechten Denkens wie Jürgen Elsässer, Querfrontler, Chefredakteur und Verlagsgeschäftsführer der strammrechten Zeitschrift CompactOliver Janich, Ex-Vorsitzender der libertären Partei der Vernunft (PDV); Thorsten Schulte, ein ehemaliger Investmentbanker, Verschwörungstheoretiker (aktuelle Buchveröffentlichung: Fremdbestimmt. 120 Jahre Lügen und Täuschung) und Redner bei der Berliner Querdenken-Demo am 1. August 2020; sowie Bodo Schiffmann, ein HNO-Arzt, der Schlagzeilen machte mit einer Behauptung auf seinem Telegram-Kanal: “Kinder sterben, weil sie Masken tragen gegen eine Erkrankung, die es nicht gibt.” Schiffmann hielt sich nach Angaben der Rhein-Neckar-Zeitung zuletzt in Afrika auf; die Staatsanwaltschaft Heidelberg ermittle gegen ihn, weil er ohne Untersuchung Atteste ausgestellt haben soll, die von der Maskenpflicht befreien.

Typisch für derlei Querdenker-Unternehmer überall auf der Welt ist, dass ihre Kohorten im Namen der “Wahrheitsbewegung” die “Corona-Diktatur” bekämpfen, während sie selbst nebenbei Geld damit machen.

Rechtsextreme Parteien warten schon ungeduldig an der Seitenlinie

Im vergangenen Dezember äußerte sich Angela Merkel zu den Querdenkern, auf bei ihr bemerkenswert emotionale Weise. Als amerikanischer Zuschauer mochte man sich an den Sommer 2016 erinnert fühlen, als Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in einer langen Rede die Alt-Right-Bewegung verurteilte, damit aber indirekt das öffentliche Interesse an ihr anheizte. Merkel nannte während eines Gesprächs mit Studierenden Verschwörungstheorien einen “Angriff auf unsere ganze Lebensweise” und fügte hinzu: “Seit der Aufklärung ist Europa den Weg gegangen, sich auf der Basis von Fakten sozusagen ein Weltbild zu verschaffen.” Einer “antifaktischen” Bewegung entgegenzutreten, sei sehr schwer, sagte sie, “das wird vielleicht auch eine Aufgabe für Psychologen sein”.

Merkels Äußerungen wurden von Querdenkern in den sozialen Medien mit Frohlocken geteilt: Der Versuch der Bundeskanzlerin, sie mit dem Stigma der Geisteskrankheit zu brandmarken, bestätigte sie in ihrer Überzeugung, dass die gesellschaftliche Mitte nur mit Zensur und Krankheitsdiagnosen auf ihre Provokationen reagieren könne. Auch Merkels Beschwörung der Aufklärung war Wasser auf die Mühlen der Querdenker. Eine Gruppe coronaskeptischer Mediziner etwa nennt sich “Ärzte für Aufklärung”. Auf Immanuel Kant bezieht man sich natürlich gerne. Das Logo einer Gruppe namens “Projekt Immanuel" verfremdet Kants Perücke und Zopf grafisch zu einem Gehirn.

“Merkel, das ist dein 1989”

Auf welchem politischen, theoretischen, symbolischen Terrain wollen die Querdenker eigentlich ihren Kampf weiterführen? Das der Aufklärung wäre eines. Die (wie auch immer begründete) Verteidigung verfassungsmäßiger Rechte wäre ein weiteres Feld, wie der Journalist Ido Vock im New Statesman feststellte. Auch die Wende in Deutschland ist ein Leitmotiv, viele Demonstrierende tragen Schilder mit Losungen, die sich auf 1989 beziehen: “Merkel, das ist dein 1989” oder “Wir sind das Volk” sind beliebte Slogans.

Eine auffällige Eigenschaft der Querdenker besteht allerdings in der Ablehnung politischer Forderungen im gewohnten Sinn. Der offenkundige Antrieb für Querdenker-Bewegungen reicht von Versuchen isolierter Individuen, über diese Bewegungen alternative soziale Bindungen zu entwickeln, bis zu dem Wunsch, kollektiv darauf hinzuarbeiten, einfach in Ruhe gelassen zu werden. In praktisch allen Fällen wird Freiheit negativ definiert (als Abwesenheit von vermeintlichen Zwängen) und auf einen individuellen Freibrief reduziert, den Menschen für sich fordern. Gegenseitige Verantwortung und Solidarität in einer Gesellschaft wird abgelehnt.

Das Querdenkertum könnte einem als ein Kampf um Wissenschaft erscheinen. Beide Seiten, die Querdenker wie deren Gegner, erklären Forschung zum Kern ihrer Identität. Die Vertreter des staatlichen Gesundheitswesens räumen ein, dass Wissenschaft derzeit gleichsam in aller Öffentlichkeit stattfindet, der Kenntnisstand über das Virus sich beständig weiterentwickelt und Prognosen über den Fortlauf der Pandemie stets nur vorläufig sein können. Die Querdenker entgegnen, die Wahrheit werde von der Elite verschleiert. Das erfordere eine ständige Suche in alternativen Foren sowie in dem, was Erik Davis als das “Do-it-yourself-Live-Action-Rollenspiel" der vermeintlichen QAnon-Hinweise, der fortgesetzten Chats und geteilten Clips bezeichnet.

Drei künftige Entwicklungen erscheinen im Zusammenhang mit den Querdenkern möglich. Die erste: Im Laufe des Jahres verblasst ihre spezielle Mobilmachung. Mit zunehmendem Vertrauen der Bevölkerungen in die staatliche Impfkampagne könnten vereinzelte Querdenker-Demos bald nicht mehr sein als gelegentliche Verkehrshindernisse. Natürlich nur, bis eine neue Variante des universellen Verdachts gegen die Eliten in Erscheinung tritt: Die angekündigten Maßnahmen für mehr Klimaschutz könnten dafür künftige Anlässe bieten.

Eine zweite denkbare Möglichkeit ist, dass die Stimmen der querdenkenden Querulanten bei kommenden Wahlen von rechtsextremen Parteien eingesammelt werden. Die warten schon ungeduldig an der Seitenlinie. Für Schlagzeilen sorgte schließlich vor allem ein Ergebnis der erwähnten Basler Studie: Zwar haben viele Querdenker wie eingangs erwähnt angegeben, bei den vorangegangenen Bundestagswahlen grüne oder linke Parteien gewählt zu haben; eine überwältigende Mehrheit von ihnen aber sagte, bei der anstehenden Bundestagswahl für eine rechtsextreme oder eine neue Querdenker-Partei zu stimmen.

Eine dritte Entwicklung könnte demnach darin bestehen, dass die Querdenker eine weitere Runde von “Start-up-Parteien" gründen, wie der Soziologie Paolo Gerbaudo sie nennt. Nach dem Vorbild von Technologieunternehmen angelegt und “durch rasches Wachstum und eine hohe Skalierbarkeit, aber auch eine hohe Sterblichkeit charakterisiert”, haben sich derartige Parteien seit der Finanzkrise in der politischen Landschaft Europas ausgebreitet. Die Idee wäre, den Erfolg der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien zu wiederholen, die aus dem Nichts kam und dreieinhalb Jahre später die meisten Abgeordnetensitze eroberte. Oder den Erfolg der AfD, die vier Jahre nach ihrer Gründung gleichsam zur offiziellen Opposition in Deutschland geworden ist. Oder den Erfolg der Brexit Party, die nur vier Monate nach ihrer Gründung bei den Wahlen zum EU-Parlament im Mai 2019 im Vereinigten Königreich die meisten Stimmen erhielt, dann aber bald in der Bedeutungslosigkeit versank. In dem Bestreben, aus der Pandemie Kapital zu schlagen, hat Nigel Farage die Brexit-Partei bereits in “Reform UK" umbenannt und zu einer Anti-Lockdown-Partei erklärt. Wie Farages Auftritt auf der Bühne in Friedberg im Jahr 2016 bereits zur Genüge zeigte: Ein Bewegungsstrippenzieher muss lediglich erkennen, wann ein günstiger Augenblick gekommen ist.

Der Sturm auf die Kapitole der Macht

In den USA zeichnet sich bereits eine Kombination aus der zweiten und der dritten Entwicklung ab. Schon früh in der Pandemie bildeten sich in den sozialen Medien zahlreiche lokale und landesweite Initiativen zur “Wiedereröffnung” des Landes. An der Spitze der Anti-Lockdown-Proteste im Namen der Freiheit standen kleine Geschäftsinhaber, deren Anliegen über rechte Medien verbreitet wurden. Obwohl viele dieser Initiativen sich weder als Demokraten noch als Republikaner verstehen, sind sie mit ihrem verschwörerischen Ethos und ihrer Antimaskenpolitik am rechten Rand der Republikaner zu verorten, denen sie bereits drohen, eigene Kandidaten bei Vorwahlen aufzustellen. Einige der Beteiligten hatten bisher wenig bis gar nichts mit der Grand Old Party im Sinn, stammen sie doch aus Impfgegner-, New-Age- oder anderen derartigen Milieus.

Die Wahlniederlage des Verschwörungstheoretikers-in-chief der USA im November vergangenen Jahres hat den Strom von Falschbehauptungen im öffentlichen Diskurs nicht eingedämmt. Bewegungsstrippenzieher und deren Anhängerschaft hat das wenig überraschend dazu veranlasst, gegen staatliche Stellen mobil zu machen, was Repräsentanten der Republikanischen Partei einschließt. Nachdem am 6. Januar 2021 das US-Kapitol gestürmt wurde, wurde dies umgehend als “Bruch” oder “Entgleisung” in der amerikanischen Geschichte charakterisiert. Doch dass die Protestler in das Gebäude eindringen konnten, in manchen Fällen sogar mit Hilfe der Polizei, machte lediglich sichtbar, was im ganzen Land schon lange gärte, sich dann allerdings in Form eines so lächerlichen wie gewalttätigen Spektakels entlud, das live und weltweit im Fernsehen übertragen wurde.

Die militanten Rechtsextremen in ihren Kampfausrüstungen und die sich selbst filmenden Social-Media-Darsteller frohlockten darüber, mit dem Eindringen in das Gebäude symbolisch die Macht des Staates zu entweihen und die Bestätigung der US-Präsidentschaftswahl im Senat durch Vizepräsident Mike Pence kurzzeitig zu verhindern. Die sozialen Herkünfte der Kapitol-Erstürmer und die politischen Absichten, die sie antrieben, waren jedoch vielschichtiger, als es die pauschalisierende Berichterstattung über “Trump-Anhänger” vermuten lässt. Tatsächlich stehen viele Elemente dieses angeblich so typisch US-amerikanischen “Aufstands” in Einklang mit den Querdenker-Bewegungen, die weltweit eine Herausforderung darstellen – auch in Brasilien, Südafrika, den Niederlanden, Spanien.

In den Tagen nach der Kapitol-Erstürmung in Washington, D.C., wurden die Namen und persönlichen Hintergründe der auffälligsten Protestler langsam bekannt. Unter ihnen ragte der “Bison-Mann" aus Arizona heraus, Jake Angeli, bekannt auch als “Q Shaman”. Seinem Profil auf Parler zufolge war er nebenberuflich als “Verhaltensmedizin-Technologie-Unternehmer” und YouTube-Persönlichkeit tätig; im vergangenen Jahr hatte er sich in Anzug und Krawatte mit Rudy Giuliani getroffen. An seiner Seite im Kapitol sah man einen Mann aus Maryland, der sichtbar seinen Firmenausweis trug, der vom Unternehmen Navistar Direct Marketing stammte. Der Eindringling aus Arkansas wiederum, der sich an Nancy Pelosis Schreibtisch sitzend fotografieren ließ, war ein Selbstständiger, der staatliche Corona-Hilfsleistungen bezogen hatte. Die Kalifornierin, die im Kapitol erschossen wurde, war eine frühere Angehörige der Luftwaffe und “selbsternannte Libertäre”, der gemeinsam mit ihrem Ehemann eine Firma für Swimmingpoolbedarf gehörte. Eine Frau aus Texas flog im Privatjet zu den Protesten in der US-Hauptstadt.

Allem Anschein und allen bequemen Deutungsmustern zum Trotz dominierten also nicht bedauernswerte “abgehängte” Arbeiter den rechten Aufmarsch am Kapitol, obwohl deren Bild seit der Wahl Trumps 2016 die allgemeine Vorstellung von dessen Anhängern beherrscht. Vielmehr wurde der “Desperado-Putsch" (Richard Seymour) der QAnon-geprägten Proteste von einer amerikanischen Sorte querdenkender Strippenzieher und Politunternehmer angetrieben, die sich selbst “jenseits des Mainstreams” verorten. (So illusorisch ihr Vorgehen gewesen sein mag, weist Richard Seymour doch zu Recht darauf hin, dass sich unter bestimmten Bedingungen auch eine illusorische Politik durchsetzen kann.) Die nahezu universelle Frustration, die das Leben in einer von Covid-19 beherrschten Welt erzeugt, hat verbunden mit der technologischen Dynamik der sozialen Medien einem politischen Ansatz Gestalt verliehen, der aus Verschwörungstheorien Kapital schlägt, welche ihrerseits von den Schubkräften des Erregungskapitalismus befeuert werden.

Nach den Ausschreitungen am Kapitol hat der Trumpismus seine Wirkung verloren, blieb als Idee aber mehr oder weniger intakt. Aus seinen Hinterlassenschaften bilden sich nun auch in den USA neue Strömungen von Querdenkern mal radikalerer, mal banalerer Form ähnlich denen in anderen Ländern. Sie wirken innerhalb der Republikanischen Partei und vertiefen zugleich deren Position, dass die Demokraten und damit der Präsident Joe Biden illegitim an die Macht gekommen seien. Obwohl dieser Aufstand des Mittelstands von unternehmerischen Strippenziehern angeführt wird, rekrutiert er seine Anhängerschaft über Grenzen von Klasse, Rasse und Geschlecht hinweg und tendiert stark nach rechts.

So wie nach der Amtsübernahme Donald Trumps im Jahr 2017 die Auseinandersetzung mit dem Populismus die Debatten bestimmte, könnte das Jahr 2021 von der Auseinandersetzung mit Querdenkern und Verschwörungstheoretikern geprägt werden. Querdenker-Bewegungen können eine Bedrohung für die etablierten Parteien darstellen, da diese gezwungen sind, mit den verwirrenden Energien dieser Bewegungen umzugehen, mit potenziell unvorhersehbaren Folgen. Womöglich werden sich Expertinnen und Experten, die nun versuchen, diese undurchschaubaren Bewegungen systematisch zu analysieren, bald die Zeiten zurücksehnen, als noch der Populismus ihr Untersuchungsgegenstand war. Der hatte einen leicht auszumachenden Namen, einen Anführer, ein Gesicht.

Aus dem Englischen von Michael Adrian

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