USA: Die Lebenslügen der Linksliberalen

An der Westküste der USA gibt man sich gern tolerant und progressiv. Doch die schöne Fassade bröckelt, sobald es um das eigene Wohl geht.

An der Westküste der USA gibt man sich gern antirassistisch, tolerant und progressiv. Doch die schöne Fassade bröckelt, sobald es um das eigene Wohl geht.

Zum Beispiel die 50 Jahre alte Maklerin. Die gerne Surfergirl wäre. Sie fragt die Nachbarn vorsichtig, ob man denn etwas dagegen hätte, wenn sie ihre Wohnung gegenüber an einen Afroamerikaner vermieten würde. Sie selbst habe natürlich nichts dagegen; Schwarze und Latinos seien, wie sie sagt, “ihre Leute”, man könne das am “Black Lives Matter”-Schild im Garten erkennen. Sie wolle als Vermieterin lediglich sichergehen, ob das denn auch okay für die Nachbarn sei, wenn da nun, wie sie politisch ganz korrekt sagt, eine Person of Color einzöge.

Oder die Hausfrau in den Vierzigern, die sich gerne als Hippie-Blumenkind präsentiert, auf die Regenbogenfahne als Zeichen der Solidarität mit der LGBTQ-Gemeinde im Garten hinweist und auf dieses Schild, auf dem steht, Hass und Intoleranz seien bei ihr nicht willkommen. Sie sei besorgt, sagt sie, wegen der liebevollen Textnachrichten ihrer Teenager-Tochter an eine Freundin. Sie fürchte, dass ihre Tochter lesbisch sei. Und sie würde das Kind gern zum Psychiater schicken, damit der das, ja, sie sagt tatsächlich: “heilt”.

Diese zwei Geschichten spielen in der South Bay, in Kleinstädten am Pazifik südlich von Los Angeles. Orte, von denen es Hunderte in Kalifornien und noch viel mehr über die USA verteilt gibt. Was South Bay für LA ist, das ist Oakland County (Michigan) für Detroit, Paulding County (Georgia) für Atlanta, Maricopa County (Arizona) für Phoenix. Es sind die Orte, in denen Joe Biden und Kamala Harris, das zeigen Analysen, letztlich die Wahl gewonnen haben: Vorstädte, in denen vor allem weiße, wohlhabende, gebildete Familien wohnen. Drei Viertel der 120 000 South-Bay-Bewohner sind weiß, zwei Drittel der Erwachsenen haben studiert, das mittlere Einkommen liegt bei 112 000 Dollar pro Jahr.

Linksliberal predigen, konservativ handeln. Das Phänomen gibt es nicht nur in den South-Bay-Städten Manhattan Beach, Hermosa Beach und Redondo Beach. Das gibt es auch in Freiburg oder Berlin-Kreuzberg. Es fällt in Kalifornien aber besonders auf, weil der Bundesstaat sich derart offensiv als fortschrittlich, tolerant, antirassistisch, hilfsbereit und offenherzig gibt. Anderen Rassismus zu unterstellen, um vom eigenen abzulenken, latente Homophobie oder ganz grundsätzlich White Privilege, die Vorzüge, die einer genießt im Leben, wenn er mit heller Haut geboren ist: Das alles fällt umso mehr auf, wenn es vor dem Hintergrund aus Regenbogen-Flaggen und “Black Lives Matter”-Plakaten zu sehen ist.

Keinen Ärger machen, bloß nie falsch abbiegen

“Es ist eine Fassade”, sagt Tanvir Hossein, der auch das andere, offen intolerante Amerika kennt. Er ist vor 43 Jahren in Memphis zur Welt gekommen, im sogenannten Deep South des Landes. “Jeder in Tennessee, der nicht hellhäutig ist, weiß ganz genau, wie er sich verhalten muss”, sagt Hossein, der sich als Bengali-Muslim identifiziert: “Stay in your lane!” Also: keinen Ärger machen, bloß nie falsch abbiegen. Hossein weiß, wie das ist, in eine Polizeikontrolle zu geraten und selbst bei völliger Unschuld ein mulmiges Gefühl oder auch eine Scheißangst zu haben. Er kennt die Blicke der Hellhäutigen und auch den offenen Hass. Das ist alles andere als in Ordnung. Doch damit kann er umgehen.

Hossein war Footballspieler an der University of Memphis, 2010 kam er nach Los Angeles, dort arbeitet er mittlerweile als Rechtspfleger: “Man stellt sich Kalifornien als Utopie vor, als harmonischen Melting Pot, wo die Leute freundschaftlich miteinander umgehen. Das ist eine idealistische Sichtweise, aber keine realistische.” Er wohnt am Pacific Coast Highway, der an der Pazifikküste von San Francisco zum Surferparadies Dana Point führt. “2016 gab es einen Zettel an meinem Auto, dass ich nicht so laut mit meinem Porsche sein solle.” Am Pacific Coast Highway regen sich die Leute häufig über zu laute Autos auf. Er habe sich erst nichts dabei gedacht, bis er bemerkte, wie dieser eine Nachbar ihn musterte. Aus Blicken wurden Worte: “Wie kann sich einer mit deiner Hautfarbe so ein Auto leisten?” Und später Taten: Im Juni 2020 wurde Hosseins Auto zerkratzt und mit Dutzenden Eiern beworfen.

Ziel von Anfeindungen im liberalen LA: Tanvir Hossein.

(Foto: Jürgen Schmieder)

“Ein paar Tage später sehe ich ihn, wie er am Fenster im ersten Stock steht”, erzählt Hossein: “Er macht eine Geste, als würde er etwas in Richtung meines Autos werfen. Dann formt er seine Hand, als wäre sie eine Pistole und zielt auf mich.” Kurz darauf kommt es erneut zur Konfrontation, die ein Nachbar auf Video festhält. Hossein wird rassistisch beleidigt (das N-Wort ist fünf Mal zu hören) und bedroht: Doch die Polizei unternimmt in Zeiten der Pandemie nichts wegen eines zerkratzten Autos; die einstweilige Verfügung wird abgelehnt, weil die Richterin Beleidigung und Bedrohung während eines Streits vom Recht auf freie Meinungsäußerung geschützt sieht.

“Was wohl im umgekehrten Fall passiert wäre”, fragt Hossein und gibt die Antwort selbst: Gefängnis, Schadenersatz im fünfstelligen Bereich, Ächtung durch die Nachbarn. Was Hossein nämlich mindestens so traurig stimmt wie das Urteil: die Reaktionen. “Als ich das Video veröffentlicht habe, gab es viele Heul-Emojis und wütende Worte”, sagt er. Sonst passierte nichts. Der übliche Reflex: “Thoughts and Prayers” bei Amokläufen, gute Gedanken und Gebete. Traurige Emojis bei Rassismus oder homophoben Beleidigungen. Dinge also, die jemand tun kann, ohne wirklich etwas unternehmen zu müssen. Man muss noch nicht einmal die Couch verlassen. Und fühlt sich dennoch ein wenig besser.

Die Amerikaner sagen dazu: noble in thought, weak in action. Auf gut Deutsch: Große Klappe, nichts dahinter.

Seit Beginn der Pandemie gab es viele Demos gegen Rassismus, ohne dass sich viel verändert hat.

(Foto: Jürgen Schmieder)

Eine Woche vor den Beleidigungen hatten die South-Bay-Bewohner auf dem Pier von Hermosa Beach der Toten durch Rassismus gedacht und auf die Bretter der verbarrikadierten Geschäfte “Black Lives Matter”-Botschaften gesprüht und Solidarität bekundet. Die South Bay feierte sich selbst, Zeichen gesetzt zu haben. Als Hossein das Video mit den rassistischen Beleidigungen in einem South-Bay-Forum auf Facebook zeigte, kontaktierte ihn eine Nachbarin und Administratorin der Gruppe. Er möge es doch bitteschön entfernen, das N-Wort solle man nicht hören, das sei doch rassistisch. Noch so eine Form der Diskriminierung: Über-Political-Correctness.

Es gibt in den USA eine Erkenntnis aus der Politikwissenschaft, derzufolge sich die Amerikaner gern konservativ geben, aber liberal handeln. Also: Festhalten am Alkoholverbot bis 21, aber von der wilden Uni-Zeit voller Drogen und Alkohol schwärmen. Oder neben dem für alle sichtbaren Tesla in der Einfahrt auch einen riesigen Benzin-Truck präsentieren. Die New York Times veröffentlichte kürzlich eine Kolumne mit dem Titel “California Is Making Liberals Squirm” (Kalifornien lässt die Linken erschaudern), darin heißt es: “In Kalifornien ist es umgekehrt, wir geben uns locker, handeln aber oft konservativ.”

Ein Obdachlosenheim in der Nähe? Nicht bei mir

So haben die Kalifornier bei Volksentscheiden einfach so lange abgestimmt, bis der Hochgeschwindigkeitszug zwischen LA und San Francisco nach Ausgaben in dreistelliger Millionenhöhe doch nicht gebaut wird. Oder der Umgang mit der sogenannten Housing Crisis in Kalifornien: Die mehr als 150 000 Obdachlosen, da sind sich alle einig von San Francisco bis zur South Bay, brauchen Hilfe. Aber, und auch da sind sich alle einig: nicht von uns und nicht bei uns! Bei so ziemlich jeder Abstimmung dazu kommt raus, dass kaum jemand ein Obdachlosenheim in seiner Umgebung haben will. Würde ja den Wert der eigenen Immobilie mindern.

Es gibt einen Spitznamen für Leute, die gerne die Welt verbessern wollen, selbst aber wenig beisteuern außer warmen Worten in Facebook-Foren, Schildern im Garten oder einem Tesla in der Garage: Nimbys, die Abkürzung steht für: Not in my back yard. Nicht bei mir. Also: Lieber ein möglichst schickes Pflaster anbringen (den Obdachlosen abgesteckte Zeltstellplätze zuweisen) als das wahre Problem (horrende Mieten) bekämpfen. Wozu wird das führen bei den bedeutenden gesellschaftlichen und politischen Debatten dieses Jahrzehnts?

In Hermosa Beach zum Beispiel sollen 556 Wohneinheiten entstehen, mehr als die Hälfte davon sollen affordable sein, also bezahlbar. “Die Bevölkerung ist zu etwa 70 Prozent linksliberal, aber ich fürchte, dass ein Großteil die Nicht-bei-uns-Argumente anführen wird”, sagt Stadträtin Stacey Armato per Mail. Interessant dabei: Das Hauptargument ist ein eher republikanisches. Man habe hart gearbeitet, um sich eine Wohnung oder ein Haus hier leisten zu können - warum sollte das jemand günstiger bekommen?

Bei der Präsidentschaftswahl haben 63,5 Prozent der Leute für Biden/Harris gestimmt, und nun sind sie stolz darauf, dass die erste Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten von hier kommt. Eine Frau, die sich für Klimaschutz, das Recht auf Abtreibung, strenge Waffengesetze und eine Reform des Gesundheitssystems einsetzt. Allerdings haben in Kalifornien am selben Tag auch 57,2 Prozent der Leute dafür gestimmt, dass im öffentlichen Dienst keine Frauen- und Hautfarbenquote mehr angewendet werden darf. Gleichberechtigung schön und gut, aber, bitte ohne Zwang. Auch das ist eine überaus republikanische Position.

Der Hass hat Hausverbot - zumindest sieht es von außen so aus

Spaziergang durch die South Bay. An jedem dritten Haus hängen Botschaften: die Regenbogenfahne, ein “Black Lives Matter”-Poster, der Hinweis, dass Hass Hausverbot habe oder kein Mensch illegal sei. Es gibt auch Humor wie den Hinweis: “Presidents Change - Wu-Tang is forever”. Präsidenten kommen und gehen, die Rap-Gruppe wird für immer bleiben. So wollen sie ja sein in Kalifornien: tolerant, locker, das Leben und sich selbst nicht ganz so ernst nehmen und im Zweifelsfall auf die Politik pfeifen. Was man aber auch sieht: Aufkleber einer kalifornischen Nazi-Gruppierung, ein SS-Zeichen in den Gehsteig geritzt, die Konföderationen-Flagge an mehreren Häusern.

Dodger Stadium, Mitte März: Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom hält eine Rede zur Lage des Bundesstaates. Natürlich hier, im größten Baseballstadion der Welt, zum megalomanischen Test- und dann Impfzentrum umfunktioniert und mit wunderbarem Blick auf die Skyline von Los Angeles. Mehr Symbolik geht nicht, und Newsom redet, als müsse er den Leuten einheizen wie ein Baseballtrainer seinem Team. Klar müsse man Corona eindämmen, aber: Not in my back yard. In Florida würden sie doch auch feiern…

Malen für den guten Zweck: Aktivisten in Los Angeles.

(Foto: Jürgen Schmieder)

Kevin Faulconer, republikanischer Bürgermeister von San Diego, will Newsom wegen seiner strikten Corona-Politik (und kleineren Skandale, Newsom war während des Lockdowns bei einer Feier in einem Nobellokal erwischt worden) des Amts entheben und selbst Gouverneur werden, die nötigen Unterschriften für ein Verfahren (mehr als zwei Millionen Kalifornier haben unterzeichnet) hat er schon gesammelt. Im Zwei-Parteien-System der USA muss man nicht unbedingt dafür sorgen, dass Leute für einen sind. Es reicht oft, dass sie den Gegner oder die Gegnerin genug hassen. Wenn man dies berücksichtigt, erscheint es schon nicht mehr so wahrscheinlich, dass die linksliberale Kalifornierin Harris einmal Präsidentin wird: Wenn die Republikaner zum Beispiel einen Bewerber aufstellen, der verspricht, den nationalpopulistischen Kurs von Donald Trump fortzusetzen und dabei nicht derart pöbelnd-plump daherkommt. Wen werden die Leute in den Tausenden Vorstädten dann wählen? Die, die linksliberal predigen, aber konservativ handeln. Die, die immer nur Pflaster aufkleben, statt sich wirklich um die klaffenden Wunden zu kümmern. Denen Symbolik wichtiger ist als das Lösen von Problemen.

Tanvir Hossein wohnt noch immer in der Wohnung, nebenan wohnt noch immer der, der ihn vor acht Monaten beleidigt und bedroht hat. “Die Proteste und Schilder sind hilfreich, weil sie für Aufmerksamkeit sorgen”, sagt er. Wichtiger wäre es, konkrete Veränderungen herbeizuführen: “Ich wünsche mir, dass die Leute ihren Mitbürgern in ärmeren Gegenden wirklich helfen. Dass sie ihren Kindern beibringen, was es bedeutet, Anti-Rassist zu sein. Dass sie ihre Worte wirklich leben.”

Source