Caroline Fourest: “Heute treibt mich eine große Angst um”

Die französische Feministin Caroline Fourest kritisiert in ihrem Buch “Generation Beleidigt” die radikalisierten Studenten in den westlichen Ländern.

Caroline Fourest, 45, ist “Journalistin, Essayistin, Filmemacherin”: So wird sie jede Woche im französischen Fernsehen als Kommentatorin vorgestellt. Sie war Stimme der LGBT-Bewegung und schrieb für die Satirezeitschrift “Charlie Hebdo”; die linke, lesbische Außenseiterin von einst ist heute ein französischer Star. Kürzlich erschien von ihr in deutscher Übersetzung “Generation Beleidigt” (Edition Tiamat, 18,– €).

DIE ZEIT: In Ihrem Buch Generation Beleidigt beschuldigen Sie die Jugend von heute, sich nicht mehr für den universellen Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit zu engagieren. Sie betreiben Jugendschelte wie eine ältere Konservative. Warum?

Caroline Fourest: Ich beschimpfe die Jugend nicht, ich appelliere nur an sie, nicht den falschen Kampf zu kämpfen. Ich bin militante Feministin und Antirassistin und trete seit 20 Jahren öffentlich für meine Anliegen ein. Ich habe immer gegen die Homophobie und für die Rechte der Homosexuellen gekämpft. Aber heute treibt mich eine große Angst um, von der jungen Generation instrumentalisiert zu werden. Es gibt eine neue Art, für Feminismus und Antirassismus einzutreten, die bei mir die Alarmglocken läuten lässt. Ich nenne das identitären Feminismus und Antirassismus, die am Ende nur den Rechtsextremisten in die Hände spielen.

ZEIT: Wo haben Sie diese Jugend erlebt?

Fourest: Zum Beispiel in Brüssel, als ich gegen das Tragen des Ganzkörperschleiers sprach. Linksextremistische und islamistische Gruppen störten gemeinsam die Veranstaltung und forderten meine “symbolische Steinigung”.

ZEIT: Die unselige Allianz zwischen Linksextremisten und Islamisten ist nicht gerade neu.

Fourest: Ich komme auch von der Linken, einer universalistischen, laizistischen, demokratischen Linken. Aber ich habe es heute mit einer dogmatischen, fanatischen Linken zu tun, die sich mit religiösen Fundamentalisten zusammentut. Wo immer ich oder andere Kolleginnen von Charlie Hebdo an Universitäten auftreten, versuchen diese Leute uns das Wort zu verbieten. Es gibt eine neue Garde linker Studentengewerkschaften, die früher für den Laizismus kämpften und heute die Zensur eines posthumen Theaterstücks über Charb verlangen, den Chefredakteur von Charlie Hebdo, der bei dem Terroranschlag auf die Zeitung mit seinem Leben bezahlen musste. Diese junge Garde wird von der öffentlichen Meinung noch ignoriert, doch sie steht für eine sehr aktive Strömung in der neuen Generation.

ZEIT: Dieses Phänomen beobachten Sie nicht nur in Frankreich?

Fourest: Es stammt aus Nordamerika. In den USA und Kanada hat die studentische Jugend eine Radikalität entwickelt, die keinen Widerspruch mehr duldet. Mehr noch: Widerspruch wird von ihr als Demütigung und Beleidigung empfunden, sodass man der Person, die widerspricht, das Wort verbietet. Dafür gibt es inzwischen unzählige Beispiele, die manchmal sogar lustig sind. In Kanada bestanden Studenten darauf, einen Yoga-Kurs für Behinderte zu streichen, weil sie darin eine unzulässige Aneignung der indischen Kultur sahen.

ZEIT: Warum ist diese Jugend so schnell beleidigt?

Fourest: Weil sie wirklich verwöhnt ist. Gerade in den USA kommen die Studenten oft aus guten Familien, die sich hohe Studiengebühren leisten können, ihre Kinder auf herrliche Campusse schicken, wo die Professoren in Erinnerungen an die großen Kämpfe der Vergangenheit gegen Sklaverei und Rassentrennung schwelgen. Aber die Kinder haben nie kämpfen müssen. Heute ist es ihre Spezialität, gegen Mikroaggressionen vorzugehen.

ZEIT: Ist das etwa unnötig?

Fourest: Nehmen Sie die Frage an einen Menschen ausländischer Abstammung: Woher kommen Sie? Natürlich kann es für einen Migranten lästig sein, x-mal am Tag diese Frage zu hören; er hätte in diesem Fall alles Recht, sich zu beklagen. Aber muss man das als Mega-Aggression betrachten und deshalb gleich die Frage verbieten?

ZEIT: Sieht diese Jugend nicht ganz zu Recht auch im Kleinen eine große Gefahr für die Demokratie?

Fourest: Es gibt weltweit einen neuen Totalitarismus, der sowohl von rechts wie von links kommt. Von rechts ist das nicht überraschend: Man bekräftigt von Neuem die eigene Herkunft, den eigenen Clan, die eigene kulturelle Dominanz, also das ganze alte Programm. Neu und verstörend hingegen ist das Aufkommen einer identitären Linken, die ebenfalls alles auf die Herkunft reduziert, bevor sie sich auf eine Debatte einlässt.

ZEIT: Wie funktioniert das?

Fourest: Früher fragten die Marxisten noch: Von wo sprichst du, Genosse? Um diejenigen zu denunzieren, die nicht der Arbeiterklasse angehörten. Heute haben die identitären Linken die Frage abgewandelt: Sie urteilen über ein Kunstwerk entsprechend der Hautfarbe seines Urhebers. Geht es nach ihnen, dürfen Künstler nicht mehr Bilder gegen den Rassismus malen, wenn sie weiß sind. Das ist Wahnsinn.

“Wir könnten mit Begriffsklärungen beginnen”

ZEIT: Sie führen den Wahnsinn auf Frankreichs postmoderne Denker zurück. Tun Sie einem Philosophen wie Michel Foucault damit nicht unrecht?

Fourest: Foucault hatte immer eine sehr positive Sicht auf das Subversive, auf den Umsturz gesellschaftlicher Normen. Wenn man aber Foucault heute so auslegt, dass alles, was minoritär ist, zugleich auch subversiv, dass jede Norm repressiv ist, und sodann dieses Denken gegen das Konzept von Demokratie und Laizismus anwendet, dann hat das nichts mehr mit positiver Subversion zu tun. Dann werden nur rechtsextremistische Ideen für subversiv erklärt.

ZEIT: Stellen Sie damit Foucaults Denkansatz grundsätzlich infrage?

Fourest: Nein, ich komme ja vom dekonstruktivistischen Feminismus. Jacques Derrida, der Vater der Dekonstruktion, hat mich inspiriert. Natürlich müssen wir auch heute noch die Mechanismen des Patriarchats dekonstruieren. Natürlich müssen wir weiterhin die Überreste des kolonialen Unterbewusstseins dekonstruieren.

ZEIT: Die deutsche, vom Philosophen Jürgen Habermas inspirierte Linke hat daran immer kritisiert, dass Derridas Denken zur Auflösung des Prinzips der Vernunft führen kann. Tritt das nicht gerade ein?

Fourest: Aber die beleidigte Jugend dekonstruiert heute nichts mehr. Stattdessen schließt sie uns alle in Käfige und macht das Denken wieder von der Hautfarbe abhängig. Sie begreift gar nicht, was sie damit anrichtet. Die Menschheit hat Jahrhunderte gebraucht, um das Rassendenken einigermaßen zu überwinden. In unserem Unterbewusstsein ist es sicher noch nicht besiegt. Und da kommen nun intelligente, linke Studierende und fangen wieder mit Rassenunterscheidungen an. Sie erklären uns, dass sie zwar nicht mehr an biologische, aber an soziale Rassen glauben.

ZEIT: Ist die Jugend nicht einfach nur viel wachsamer als ältere Generationen?

Fourest: Im Gegenteil. Sie lebt in einer privilegierten, elitären Blase, losgelöst von den wahren politischen Kräfteverhältnissen auf dieser Welt. Sie ereifert sich über Lehrerinnen und Professoren, die ihr widersprechen. Aber es interessiert sie nicht, wenn der Staat in Ungarn, Polen oder Russland wieder gegen Homosexuelle vorgeht. Sie begreift nicht, dass wir in einer Zeit leben, in der das Identitäre der Rechtsextremisten auf dem Vormarsch ist, immer stärker wird und sie selbst diesen Trend verschärft.

ZEIT: Passiert das momentan überall auf der Welt?

Fourest: Es betrifft unsere privilegierten Jugendlichen in den USA und Europa. Die Jugend in Algerien, die gegen einen autoritären Staat kämpft, oder die aufständische Jugend im Senegal, die es mit riesigen Problemen zu tun hat, kümmert sich nicht um Mikroaggressionen.

ZEIT: Zweifeln Sie am Engagement einer ganzen Generation?

Fourest: Natürlich engagiert sich die Jugend für ein Mainstream-Thema wie die Rettung der Natur. Aber dieses Anliegen ist auch unangreifbar: Wenige sind gegen die Rettung der Natur. Viele Jugendliche wählen dieses Anliegen nicht zuletzt aufgrund ihrer Sozialisation mit den sozialen Medien. Sie sind mit der Angst aufgewachsen, in den sozialen Medien bloßgestellt zu werden und das eigene Ansehen zu verlieren. Das hemmt die Redefreiheit dieser Generation stark. Sowie die Themen schwieriger und komplizierter werden, Stellungnahmen mehr Mut verlangen und man zum Beispiel die Kritik von religiösen Fundamentalisten riskiert, winken viele Studierende ab. Sie wollen nicht von anderen Studierenden in den sozialen Medien angegriffen werden.

ZEIT: Wie wollen Sie der Generation, die Sie so scharf kritisieren, wieder näherkommen?

Fourest: Wir könnten mit Begriffsklärungen beginnen. Zum Beispiel ist das Wort Islamophobie sehr gefährlich: Es stiftet tödliche Verwirrung. Der Begriff vermischt die legitime Kritik am islamistischen Fundamentalismus mit dem illegitimen Hass auf Islamgläubige, der auf Rassismus basiert. Deshalb sollten wir vom antimuslimischen Rassismus sprechen, aber nicht von Islamophobie – ein Wort, das ständig in den Debatten auftaucht, aber nur den Fundamentalisten dient.

ZEIT: Gibt es da Unterschiede zwischen den USA und Frankreich?

Fourest: In den USA ist im Namen der Religionsfreiheit alles erlaubt. In Frankreich glauben wir, dass wir unsere Freiheit vor jeder religiösen Einflussnahme schützen müssen. Der religiöse Puritanismus in den USA ist bis heute eine nicht versiegende Quelle identitären Denkens.

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