Riester- und Rürup-Rente: Durch Zwangsversicherung zur Rentenkürzung

Erneut sinkt der Zins für Lebensversicherungen. Wer lange in eine Riester- oder Rürup-Rente eingezahlt hat, ist schlecht dran. Denn angespartes Kapital muss er verrenten lassen, und diese Zwangsrente wird deutlich sinken.

Lebensversicherung Olaf Scholz senkt Renten bei Riester, Rürup und Co.

Eine Meinungsmache von Axel Kleinlein

Erneut sinkt der Zins für Lebensversicherungen. Wer lange in eine Riester- oder Rürup-Rente eingezahlt hat, ist schlecht dran. Denn angespartes Kapital muss er verrenten lassen, und diese Zwangsrente wird deutlich sinken.

06.04.2021, 07.25 Uhr

Olaf Scholz: Der Finanzminister zeichnet letztlich für die erneute Absenkung des Zinses verantwortlich, Riester- und Rürup-Rentner müssen das mit niedrigeren Renten ausbaden

Olaf Scholz: Der Finanzminister zeichnet letztlich für die erneute Absenkung des Zinses verantwortlich, Riester- und Rürup-Rentner müssen das mit niedrigeren Renten ausbaden

Foto: HAYOUNG JEON/EPA-EFE/Shutterstock

Sparen Sie für eine Riester- oder Rürup-Rente? Zahlen Sie brav regelmäßig in eine Direktversicherung beim Arbeitgeber oder einfach in einen privaten Rentenversicherungsvertrag ein? Dann gilt Ihnen an dieser Stelle mein ausdrückliches Bedauern. Bei sehr vielen Verträgen werden demnächst die garantierten Renten gesenkt. Die Verordnung, die daran schuld ist, kommt aus dem Bundesfinanzministerium von Olaf Scholz und wird in brachialer Geschwindigkeit, ohne Einbezug von Parlament oder Bundesländern, durchgepeitscht. Ein vermutlich erwünschter Nebeneffekt: Für neue Rentenversicherungsverträge gehen die Provisionen für die Vertreter in ungeahnte Höhen.

Hintergrund ist die Senkung des sogenannten “Höchstrechnungszinses” (HRZ) in der Lebensversicherung. Klingt unsexy und kompliziert. Ist es auch. Denn mit dem HRZ wird der höchste Zins festgelegt, mit dem Allianz & Co. einen Vertrag kalkulieren dürfen. Derzeit liegt er bei 0,9 Prozent und soll mit der neuen Verordnung auf 0,25 Prozent sinken.

Was nach einer unwichtigen mathematischen Stellschraube klingt, ist aber brisant!

Je niedriger der Zins ist, desto niedriger ist die Rente, die garantiert wird. Mehr als die Garantierente wird es bei den meisten Versicherern auf Dauer aber auch nicht geben. Denn die Versicherer haben sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv verzockt, weil sie deutlich höhere Zinsen versprachen, als sie am Kapitalmarkt verdienen konnten. Und weil in sehr vielen Verträgen im Kleingedruckten steht, dass die Rente erst dann errechnet wird, wenn das Ansparen vorbei ist, werden durch die neue Verordnung viele zukünftige Renten noch niedriger ausfallen als erwartet.

Im Schnitt dürften die Renten durch den neuen Höchstrechnungszins etwa um zehn Prozent geringer ausfallen. Wie hoch genau, das erfahren Sie erst, wenn Sie mit dem Ansparen fertig sind. Sie dürfen erst mal zahlen und zahlen und zahlen und sich dann überraschen lassen, was überhaupt hinten rauskommt.

Renten werden im Schnitt um 10 Prozent sinken

Bei Verträgen, die Sie ganz privat besparen, können Sie immerhin zu Rentenbeginn das Geld in einem Schlag abrufen – dann aber zu steuerlich schlechten Bedingungen. Bei staatlich geförderten Riester-Renten und Rürup-Renten sieht das aber anders aus! Denn hier heißt es “Zwangsrente”!

Auch wenn Sie über viele Jahre so einen Vertrag angespart und damit gezeigt haben, dass Sie bereit sind, finanzielle Verantwortung zu übernehmen, werden Sie entmündigt, sobald Sie über das ersparte Vorsorgekapital verfügen wollen. Denn Ihnen wird eingeredet, Sie seien zu dumm, auch künftig verantwortungsvoll mit Ihrem Geld umzugehen, würden es stattdessen verprassen und dann der Allgemeinheit auf der Tasche liegen.

Deshalb müssen Sie eine Rente kaufen und dafür muss Ihr Geld zu einem Lebensversicherer – gleich, ob Sie damit Verlust machen oder nicht. Und Verlust ist für die meisten Rentenpolicen vorprogrammiert! Denn im Großteil der Fälle ist zu erwarten, dass Sie zu früh sterben, um überhaupt das Angesparte ausbezahlt zu bekommen.

Bei der staatlichen Altersvorsorge à la Riester und Rürup gibt es also nur die Freiheit zu zahlen. Kaum möchten Sie über das Geld verfügen, endet die Freiheit, der Rentenzwang greift und Sie sind zwangsversichert bei einem Lebensversicherer.

Die Versicherungsindustrie muss sich also nicht bemühen, die Versicherten als Kunden zu gewinnen. Der Gesetzgeber schiebt sie der Assekuranz quasi zu. Denn nur die Lebensversicherer dürfen diese Zwangsrente anbieten. Und gegen die niedrigere Rente durch den abgesenkten Zins kann sich niemand wehren. Diese neue Verordnung zum Höchstrechnungszins ist einfach ein Werkzeug, um die Versicherten zu schröpfen.

Ein Werkzeug, um die Versicherten zu schröpfen

Netter Nebeneffekt bei Neuverträgen für die Versicherungsbranche: Für die gleiche garantierte Rentenhöhe bekommen die Versicherungsvermittler nach Einführung des niedrigeren Zinses eine um etwa 30 Prozent höhere Provision!

Der Zwang zur Verrentung gekoppelt mit höheren Kosten ist eine explosive Kombination! Was wir stattdessen brauchen: Einen Provisions- und Kostendeckel, um endlich die Chance auf vernünftige Angebote zu bekommen. Und wir brauchen endlich Politiker*innen, die den Bürger*innen vertrauen und nicht mit einer Zwangsrente entmündigen.

Dann könnten sich womöglich neue Lösungen für die Altersvorsorge entwickeln – Lösungen jenseits der Lebensversicherung. Die beherrschen das Geschäft mit der Altersvorsorge ja offensichtlich nicht.

Was mich besonders ärgert: Die Senkung des Höchstrechnungszinses bräuchte es eigentlich nicht. Denn wenn ein Unternehmen mit einem Zins rechnet, den es sich nicht leisten kann, dann kann die Aufsichtsbehörde Bafin das schon jetzt unterbinden. Der höchste Versicherungsaufseher, Frank Grund, könnte den Versicherer zwingen, anders zu rechnen. Dazu müsste ihm aber sein oberster Chef, Bundesfinanzminister Olaf Scholz, den Auftrag erteilen. Jener setzt stattdessen aber darauf, nur diese neue Verordnung zu erlassen und die Versicherungsaufsicht weiter schwach zu halten.

Die fatalen Folgen dieser Politik sind klar: Verordnete Mutlosigkeit, Einknicken vor der Versicherungsbranche und Perspektivlosigkeit für die Altersvorsorge.

PS: Den Link zur offiziellen Stellungnahme des Bundes der Versicherten e. V. zur Verordnung finden Sie hier.

Axel Kleinlein ist Chef des Bundes der Versicherten (BdV), Deutschlands größter Verbraucherschutzorganisation für Versicherte, und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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